Kultur

Tauberphilharmonie Klavierkabarettist Bodo Wartke sein Programm „Was, wenn doch?“

Unterhaltsam und herausfordernd

Ein Abend in der mit rund 600 Zuhörern vollbesetzten Tauberphilharmonie in Weikersheim mit dem Klavierkabarettisten Bodo Wartke war vieles zugleich: unterhaltsam, politisch, aufwühlend und herausfordernd.

Der gebürtige Bad Schwartauer und Wahl-Kreuzberger gastierte mit seinem aktuellen Programm „Was, wenn doch?“ und nahm dabei nicht nur im übertragenen Sinne kein Blatt vor den Mund. Alle Texte der gelegentlich etwas lang geratenen Lieder trug der 42-Jährige auswendig vor und moderierte sogar zwischendurch unverblümt selbst- und gesellschaftskritisch. Zu ehrlich jedenfalls, um zum Schwarm jeder Schwiegermutter zu werden.

Persönliches im Mittelpunkt

Um seinen Flügel hatte Wartke mit Stehlampe, Bücherregal, Zimmerpflanze und Wohnzimmer-Couch nicht ohne Grund bildungsbürgerliche Requisiten drapiert. Der Abend wurde zum unterhaltsamen „Privatbesuch“ bei einem Künstler aus einer Arztfamilie, dem seine Eltern nicht gerade einen roten Teppich für eine vermeintlich unsichere Künstlerexistenz ausgerollt hatten.

Und es wurde noch persönlicher, als er einer früheren „Geliebten“ die Schuld am Abbruch seines Musikstudiums an der Berliner Universität der Künste in die Schuhe schob. Ausgerechnet bei Bachs Präludium Nr.2 in c-Moll aus dem Wohltemperierten Klavier „warf“ sie sich in seine Arme; es war eine stürmische Liaison mit einer „heißen“ Sehnenscheidenentzündung.

Mit ausgefeilten Versen und witzigen Wortspielen voll doppelter Pointen verlieh er mit Swing, Blues und Boogie-Woogie seinen Gedanken – und den Träumen der Zuhörer – rasante Flügel. Wartke beherrschte perfekt Klavier und den rhythmischen Sprechgesang mit einem –wenn es angebracht war – angenehm flirrenden Vibrato und brachte so seine unorthodoxen Texte per Mikroport verständlich zu Gehör. Mit einer Einschränkung: Wurde es lauter, verkehrte sich die ohne Verstärkung so ideale Akustik des Saales in ihr Gegenteil: Dann war die Textverständlichkeit dahin; Schwerstarbeit für die vom Künstler zu Recht gelobten Tontechniker, die das Problem im Verlauf des Abends besser in den Griff bekamen.

Kritik am Architekten

Nur beißenden Spott hatte der Künstler für die Architekten der Philharmonie übrig, die nicht funktionierende Lautsprecher in der Saaldecke „versteckt“ haben. Eine Steilvorlage für das dann folgende Lied „Architektur in Deutschland“, bei dessen Vortrag hoffentlich nicht der neben der Philharmonie entstandene Klotz gemeint war: „Wie etwa unsere Shoppingcenter, ha sind die nicht schön, und wie praktisch, dass sie faktisch alle gleich aussehn.“

Liebesdinge waren das Schwergewicht des Programms; oft war die Zuneigung einseitig, doch blieb man zusammen, um nicht allein zu sein. „Happy End“ beschwört das gemeinsame Glück, das jedoch nicht zu erzwingen ist: „Warum kann es nicht einfach mal klappen, statt von einer bösen Falle in die andere zu tappen?“

Spitzzüngig sah Wartke den Tanz als den vertikalen Ausdruck eines horizontalen Verlangens. Es war ein Zitat von George Bernhard Shaw, der so einmal den Tango charakterisierte. Unerreicht als Meister des schwarzen Humors ist Georg Kreisler.

Hommage an Georg Kreisler

Es gab Momente an diesem Abend, die an diese Legende des österreichischen Kabaretts der Nachkriegsjahre erinnerten. Etwa an Kreislers legendären „Opern- Boogie“, als Bodo Wartke seine Version der Arie der „Königin der Nacht“ aus Mozarts „Zauberflöte“ zum Besten gab. Es war ein Höhepunkt des Abends mit einem dicken Wehmutstropfen. Denn seine charmante Interpretation am Klavier stand im krassen Kontrast zur vorherigen Lesung der zweiten Arie der Königin der Nacht „Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen“. Deren Text im „frauenfeindlichen und rassistischen Libretto“ verulkte Wartke so penetrant, dass Opernfreunde bei allem Verständnis für kabarettistische Zuspitzung eher peinlich berührt waren;. Entsprechend dünn geriet der Applaus für eine banale Stotterarie ohne Musik. Vielleicht war es auch nur eine späte Rache am Vater, der ihn als Knirps in Mozarts „Zauberflöte“ mitgeschleppt hatte. Immerhin zollte Wartke den – im Gegensatz zu ihm – ohne elektronische Verstärkung auftretenden Sängern größten Respekt. Denn sie schaffen es, „kraft ihres körpereigenen Organs das komplette Opernhaus zu beschallen, und zwar über das Sinfonieorchester hinweg bis in die letzten Reihen des obersten Ranges. Eine wahre Meisterleistung“.

Viel Sympathie entwickelte der Künstler für die Aktivisten im „12 000 Jahre alten“ Hambacher Forst, für dessen Erhalt im rheinischen Braunkohletagebau „zwischen Elsdorf und Niederzier“ er sich mit dem Lied „Hambacher Wald“ einsetzte. Stürmischen Beifall gab es dafür. Anrührend geriet das melancholische Loblied über den Clown, der allen Widrigkeiten des Lebens zum Trotz nie seinen Humor verliert. Gerne fabulierte Wartke über das seltsame Faible fürs Knöpfedrücken und rätselte immer tiefsinniger über die unerfüllte Liebe und widersprüchliche Gefühle. Extremisten und Rüpel sind ihm ein Gräuel; auch Helene Fischer bekam ihr Fett ab, indem Wartke die Melodie von „Atemlos“ als Gangsterschlager vertextete.

Mut zur Veränderung

„Scheitern gehört zum Leben dazu“ ist eine Botschaft von Wartke, dessen zum Finale gesungenes Lied mit dem Motto des Programms „Was, wenn doch?“ endete. „Das falsche Pferd“ handelt von Menschen, die nur noch Dinge tun, „die wir wirklich gerne tun, sprich: aus Liebe handeln und fortan all das lassen, was wir hassen.“

Wartke sehnte sich nach einem Land, in dem er leben will und entwarf die Vision einer besseren Gesellschaft ohne Quoten-Fernsehen, „lieblos hingerotzter Zweckarchitektur“, nervtötender Werbung, ohne ein Klammern an vermeintliche Tugenden und Sitten, unter denen die Alten „absurderweise selber früher litten“.

Wenigstens ausprobieren sollte man nach Wartke etwa das Grundeinkommen und nicht lamentieren: „Wo kämen wir denn da hin. Das hat doch alles überhaupt keinen Sinn. Wir unterwerfen uns lieber dem Joch. Denn das kann ja gar nicht klappen . . . Was, wenn doch?“

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