Kultur

Torturmtheater Sommerhausen Isabell Kott als „Isa“ in Wolfgang Herrndorfs „Bilder deiner großen Liebe“

Ungebändigte Glückssucherin

Mit der faszinierenden Inszenierung von „Bilder deiner großen Liebe“ eröffnete letzte Woche das Torturmtheater Sommerhausen die Spielzeit 2019. Das Romanfragment fand sich im Nachlass des 2013 verstorbenen Schriftstellers Wolfgang Herrndorf, der Dramaturg Robert Koall hat es für die Bühne bearbeitet und vier Jahre nach der Uraufführung in Dresden hat es die Münchner Regisseurin Eos Schopohl in einer 70-minütigen Fassung jetzt für den Sommerhäuser Torturm inszeniert.

14-jährige Außenseiterin

TTT-Hausherrin Angelika Relin hat den Bühnenraum, abgesehen von sechs aufeinander gestapelten Autoreifen, ganz in weiß belassen: nichts soll die Vorstellungskraft der Zuschauer beeinträchtigen. Alle Konzentration gilt dem poetisch verdichteten Text Herrndorfs und der großartigen Münchner Schauspielerin Isabell Kott. Isabel Kott spielt Isa. Nein, Isabel Kott ist Isa.

Jene 14-jährige Außenseiterin, die Herrndorf-Leser bereits aus seinem Bestseller „Tschick“ kennen. Wie ein zerzauster Engel aus dem Sternenhimmel plumpst sie auf die Bühne und erzählt in „Bilder deiner großen Liebe“ ihre Lebensgeschichte.

Abgehauen aus der Psychiatrie, ist sie barfuß auf dem Weg durch Deutschland, schläft im Freien, organisiert sich Essbares, stößt auf sonderbare Menschen (in der Sommerhäuser Inszenierung als Stimmen aus dem Off) und bleibt doch in ihren Träumen gefangen, eine Vagabundin der Verlorenheit auf der Suche nach Freiheit und Geborgenheit zugleich.

Man kann Isabel Kott gar nicht genug bewundern für die Unbekümmertheit, die Leidenschaft und die Genauigkeit mit der sie die Träume und Sehnsüchte, die Melancholie und ja, auch die Grausamkeit, der 14-jährigen Abenteuerin auf die Bühne bringt.

In Jogginghose, T-Shirt und Kapuzen-Pulli, mit ungebändigten halblangen Haaren ist sie genau die Halbwüchsige von nebenan, die sich nicht unterordnen will, nicht anpassen kann an das, was die festgefahrene Ordnung der Erwachsenenwelt für sie bereithält.

In Herrndorfs bildhafter, einfühlsamer und zugleich lakonischer Sprache hat diese existenzielle Tiefe immer wieder auch überraschende Momente von feiner Ironie und schwarzem Humor.

Witzig und humorvoll

Für Isa, und wohl auch ihren Schöpfer, stellen Witz und Humor die letzten Rettungsanker dar zu einer in ihren Augen traurigen Welt, etwa wenn sie sagt, „dass das Glück nie so glücklich macht wie das Unglück unglücklich“.

Für die Zuschauer ist ein großes Vergnügen, über grundlegende existenzielle Fragen des Lebens mit Isabel Kotts Isa neu nachdenken zu dürfen. Manfred Kunz