Kultur

„Mozartwoche auf Tour“ Musikalisch-literarisches Rezital und Konzert der Camerata Salzburg im Carmen Würth Forum

Sprache und Musik korrespondieren aufs Feinste

Archivartikel

Nur 35 Jahre wurde Wolfgang Amadeus alt. Rund zehn Jahre der kurzen Lebensspanne verbrachte der begnadete Musiker auf Reisen. Da wurde eifrig korrespondiert. So schrieb beispielsweise der Vater: „Daß sie bey Abspielung deiner letzten Caßation (heiteres, mehrsätziges Werk) alle groß darein geschauet, wundert mich nicht, du weißt selbst nicht, wie gut du Violin spielst […] wenn du nur mit Figur, Herzhaftigkeit und Geist spielen willst, ja so, als wärest du der erste Violinspieler in Europa“.

Leopold Mozart war nicht nur ein ehrgeiziger Vater, er war ein ausgezeichneter (Musik-)Pädagoge, was der ermunternde Brief vom 18. Oktober 1777 an seinem 21-jährige Sohn belegt. Wolfgang Amadé war wenige Wochen zuvor mit seiner Mutter zu einer Reise – über München, Augsburg und Mannheim – nach Paris aufgebrochen.

Rolando Villazón, seit 2017 Mozart-Botschafter der Internationalen Stiftung Mozarteum Salzburg, folgt anhand der Korrespondenz der Reiselust seines Schützlings: Mit der „Mozartwoche auf Tour“ hat er im Carmen Würth Forum in Künzelsau Station gemacht.

In der dreiteiligen Veranstaltung aus Einführungsvortrag, musikalisch-literarisches Rezital und Konzert der Camerata Salzburg übernimmt Villazón die Rolle des Vorlesers – auf Anregung der Veranstalterin übrigens erstmals auch auf Deutsch.

„Sie wissen, bester Freund, wie mir Salzburg verhasst ist! Erstens sind die Leute von der Musik in keinem Ansehen, und zweitens hört man nichts, es ist kein Theater da, keine Oper!“ Das schreibt Mozart knapp ein Jahr später aus Paris im August 1778. Der Brief richtet sich an Abbé Joseph Bullinger und lässt zwischen den Zeilen den ganzen Frust erahnen. Am Hof von Versailles ist viel los, Musik, Tanz und Theater – doch Mozart, der kaum Französisch spricht, konnte außer seiner Ballettkomposition „Les petits riens“ wenig anbringen. Obwohl er vom Pariser Adel eine Abfuhr nach der anderen bekommt, scheint ihm eine Rückkehr nach Salzburg auch nicht verlockend. Geldnot, ohne Arbeit und Perspektive raubt ihm das Elend im Ausland auch noch die Mutter. Sie hatte ihn begleitet und war einen Monat zuvor in Paris gestorben.

„Dort wo die Sprache aufhört beginnt die Musik, ich kann nichts anderes als Violine spielen, es ist eine innere Notwendigkeit. In der Musik geht es darum sich verstanden zu fühlen“, das sagt Emmanuel Tjeknavorian. Gefeiert als Ausnahmetalent, entlockt der 1995 in Wien (wie Mozart in eine Musikerfamilie) geborene Jung-Star seiner goldbraun lackierten „Dalla Costa“, gefertigt in der Bauweise der Geigenbauerdynastie Amati, einen kraftvoll warmen, tragenden Konzertton. Im Duett mit Maximilian Kromer am (modernen) Flügel behauptet sich die historische Violine und verleiht dem Dialog der beiden Instrumente wunderbare Authentizität.

Eingebettet in die beiden Allegro-Sätze der G-Dur Sonate steht beispielsweise ein Reisebericht aus Prag von 1787, in dem Mozart seinem Freund Gottfried von Jacquin von den Prager Schönheiten vorschwärmt und, amüsiert, fast parodistisch, von seinem Erfolg des „Figaro“ berichtet – offensichtlich ein Gassenhauer, denn die Melodien höre man überall gepfiffen, gesungen und sogar getanzt. Vater Leopold, der beste Geigenlehrer seiner Epoche, hätte an diesem Konzert die größte Freude gehabt.

Von himmelhohem Überschwang zu philosophischer Gelassenheit bis zu Augen voller Tränen ist Mozarts kurzes Leben überreich. Das Herz trägt er auf der Zunge, manchmal gehen die Pferde mit ihm durch und die Sprache verwandelt sich in pure Lautmalerei, nicht mehr weit von leichtfüßig-lustvoller Tondichtung. Mit spanisch-mexikanischem Feuer (und Akzent) fächert Villazón die Befindlichkeiten des Frühvollendeten auf. Hier werden Korrespondenzen zwischen Mozart, seinen Freunden und seiner Familie spürbar, aber auch Sprache und Musik korrespondieren aufs Feinste, nicht zuletzt führen Klavier und Geige gleichberechtigte Dialoge, was zu jener Zeit neu war, eine Errungenschaft Mozarts auf seiner Paris-Reise.

Der Tag, der mit einem aufschlussreichen Vortrag von Ulrich Leisinger, Direktor der Internatio–nalen Stiftung Mozarteum, begann, klang unter dem Taktstock von Francois Leleux mit der Camerata Salzburg und dem Solo-Flötisten Emmanuel Pahud aus. Die Camerata Salzburg, vor 60 Jahren in Mozarts Geburtsstadt gegründet, war mit ihrer enormen Mozart-Erfahrung unter dem energiegeladenen Dirigat der ideale Partner für den Flötisten, der, durch Bravorufe anfeuert, sich selbst übertraf.

Das Orchester widmete sich Mozarts Sinfonie Nr. 25, bekannt als „Kleine g-Moll“, einem packenden Werk voller Gegensätze, ehe Pahud, Solist der Berliner Philharmoniker, virtuos den Solopart der Flötenkonzerte KV 314 und KV 313 übernahm. Abschließend erklang die „Linzer Sinfonie“ Nr. 36, ein sinfonisches Wunderwerk, in Windeseile komponiert und dennoch überreich an funkelnden musikalischen Ideen. Einmal mehr bewies der oszillierende Mozart-Klang die hervorragende Akustik des Reinhold-Würth-Saals. Das Publikum feierte Musiker und Dirigent mit stehenden Ovationen und frenetischem Applaus.

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