Kultur

Das Porträt Die Mannheimer Schauspielerin Devrim Lingnau spricht über ihre Hauptrolle in der neuen Netflix-Serie „The Empress“

Sie spielt 2021 Kaiserin Sisi, möchte aber keine zweite Romy Schneider sein

„Sissi“ war der erste Film, den Devrim Lingnaus Großmutter jemals sah. Nun soll ihre Enkelin die Hauptrolle spielen in einer neuen Netflix-Serie „The Empress“ über die Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn. Drehstart des Sechsteilers soll im Frühjahr 2021 sein. Ein Jahr später soll er über den Streamingdienst ausgestrahlt werden.

Wie kam Lingnau zu der Rolle – oder kam die Rolle gar zu ihr? „Beides eigentlich, wir sind aufeinander zugegangen“, sagt Lingnau und lacht. Der Castingprozess sei sehr intensiv gewesen und habe sich über ein halbes Jahr erstreckt.

Etwas Märchenartiges

Ernst Marischkas Trilogie über „Sissi“ aus den 1950er Jahren mit Romy Schneider und Karlheinz Böhm gehört zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Filmproduktionen. Der Sisi-Stoff – so könnte man meinen – ist eine große Nummer. Auch Lingnau hat die alten Filme vor langer Zeit als Kind zusammen mit ihrer Großmutter gesehen. „Ich erinnere mich hauptsächlich an die Stimmung dazu“, erzählt die 22-Jährige. „Es hatte für mich etwas Märchenartiges.“ In der Vorbereitung auf die Dreharbeiten will sie bewusst darauf verzichten, die Trilogie nochmals zu sehen. „Ich möchte diese Rolle für mich finden und entdecken.“

Gegen Formulierungen wie „die zweite Romy Schneider“ sträubt sich Lingnau. Mit der „im Endeffekt tragischen Geschichte“ des 1982 viel zu jung verstorbenen Schauspiel-Superstars will sie sich nicht identifizieren. Dass bei einer Neuverfilmung der Sisi-Geschichte Assoziationen zur Trilogie auftauchen, verstehe sie aber. „Wir machen uns an den Stoff ran, sind uns dessen Kultstatus bewusst und versuchen uns trotzdem davon freizumachen.“ In der Netflix-Verfilmung liege der Fokus auf der historischen Figur der Kaiserin. Gezeigt wird die Anfangszeit Sisis am Wiener Hof und ihre Liebesgeschichte mit Kaiser Franz Joseph I..

Jeder der Kreativen hinter der Kamera habe eine bestimmte Sicht auf die Rolle, meint Lingnau, man müsse sich bewusst machen, dass man dem nie zu hundert Prozent entsprechen könne. Lingnau könne nur alles aufsaugen. Sie sehe sich „ein bisschen als Botschafterin, die die Ideen zur Rolle verpackt, zusammenfasst und auf den Punkt bringt“. Letztendlich sei es aber auch ihre Aufgabe als Schauspielerin zu zeigen, was sie für richtig und wichtig halte.

Und was ist das im Falle von Sisi? An Elisabeth sei beeindruckend, mit was für einem Mut sie sich am Kaiserhof durchgesetzt habe – einer Welt, die durch das Hofzeremoniell und strenge Etikette geregelt gewesen sei. Die Botschaft der Serie gehe über die Figur hinaus: „Worauf kommt es für junge Frauen heutzutage an? Wie kann man selbstbestimmt leben?“ Das seien grundlegende Fragen, die Lingnau auch schon selbst beschäftigt hätten.

Mit 14 Jahren bekam sie einen Schauspiel-Workshop von ihren Eltern geschenkt. Ihre erste Rolle hatte sie wenig später, 2014, in einem Einspielfilm der ZDF-Fernsehserie „Aktenzeichen XY … ungelöst“. Seitdem spielte sie unter anderem im „Bozen-Krimi“ (2019) oder eine Hauptrolle in der Romanverfilmung „Auerhaus“ (2019). Zuletzt hatte sie im September in Prag für „Allmen und das Geheimnis der Erotik“ gedreht, an der Seite von Heino Ferch.

Lingnau studiert neben ihrer Arbeit als Schauspielerin Kunst an der Akademie in Karlsruhe. Von ihrem Studium profitiert sie auch als Schauspielerin, sagt sie. So etwa, wenn sie sich in ihrem Studium mit dem Thema Raum beschäftige. „Das vermeintlich kleine Thema hat viele Facetten: In welchem Raum kann ich gut in eine Rolle finden, welche Räume bremsen mich aus? Wie viel privaten Raum brauche ich? Wie sehr möchte ich in die Öffentlichkeit treten?“

Lingnau tritt auf eine für ihr junges Alter eher ungewöhnliche Art nach außen: Auf ihrem Instagram-Kanal ist Kunst statt Selfies zu sehen. „Social Media zur reinen Selbstdarstellung finde ich schwierig. Wir können viel mehr experimentieren, wie wir diese Plattform nutzen“, meint Lingnau. Sie sehe sie als Möglichkeit, Gedanken und Ideen zu teilen.

Sportliche Kaiserin

Gerade kreisen Lingnaus Gedanken vor allem um Elisabeth und die prekären Zeiten der Österreichisch-Ungarischen Monarchie zwischen Französischer Revolution und dem Ersten Weltkrieg. Lingnau sei froh, dass sie in diese Welt eintauchen dürfe. Im Fach Geschichte hatte sie auch Abitur geschrieben. Aktuell arbeitet sie sich durch ein Werk zum privaten Leben der Kaiserin. Darin stehe zum Beispiel, dass die Kaiserin lieber im Ballkleid Klimmzüge und Turnübungen machte, anstatt auf ihren täglichen Sport zu verzichten.

Ein historischer Mitarbeiter im Team habe ihr zur Vorbereitung ihrer Rolle eine Liste geschickt mit Büchern und Filmen. „Es reicht nicht, wenn das im Drehbuch steht – ich muss das auch verstehen“, sagt Lingnau. Sie versuche, die politischen und gesellschaftlichen Umstände der Zeit auch auf einer emotionalen Ebene zu begreifen.

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