Kultur

Theater Heilbronn Gastspiel der Hamburger Kammerspiele mit „Ich bin nicht Rappaport“

Schutzengel mit Hiobsbotschaft

Ort der Handlung ist der Central Park in New York. Dem Bühnenbild der Komödie „Ich bin nicht Rappaport“ nach zu schließen könnte es Spätsommer sein – viel grün, ein paar rote und gelbe Tupfer, die Herbstlaub andeuten. Im Herbst ihres Lebens befinden sich auch die beiden Protagonisten, der Afroamerikaner Midge Carter und der Jude Nat Moyer. Midge verdient trotz seines hohen Alters als Hausmeister ein Mini-Gehalt. Jeden Morgen wühlt er möglichst diskret im öffentlichen Abfalleimer nach Brauch- und Essbarem. Danach lässt er sich auf (s)einer Parkbank nieder, um in Ruhe die Zeitung zu lesen.

Seit ein paar Tagen wird ihm das durch Nat vermiest. Der denkt gerne laut, sinniert über vergangene Zeiten und sein Leben, wobei er ständig neue Stories auftischt, bis Midge der Kragen platzt: „Sind Sie ein entflohener kubanischer Terrorist? Sie verarschen mich doch nach Strich und Faden!“, ruft er.

Der Aufgebrachte empfiehlt dem Fantasiebegabten, sich zu den jungen Leuten und den Junkies zu gesellen. Nat denkt nicht dran. Nun joggt Midges Hausverwalter vorbei und erklärt beim kurzen Stopp, dass Midge in den Ruhestand versetzt werde, natürlich mit anderthalb Monatsgehältern Abfindung. „Sie geben sich als Schutzengel aus und bringen mir eine Hiobsbotschaft“ – ein Satz, den man sich auf der Zunge zergehen lassen möchte. Nicht nur weil hier biblische Narrative gebraucht werden und als Synonym für unumstößliche Zeitlosigkeit fungieren, sondern weil die Taktik, sich die Welt schönzureden, immer beliebter wird, bis in die Gegenwart und egal um welches Thema es sich handelt: Explodierende Mieten, Entwertung des Geldes, Zwang in Obdachlosigkeit, die Methoden Menschen in die Armut zu treiben hat unser Wirtschafts- und Finanzsystem perfektioniert. Darum geht es dem Autor aber nicht.

Herb Gardner (1934 bis 2003) begann seine Laufbahn als Cartoonist im New York der 1950er Jahre. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere als Zeichner erschienen seine Comic-Strips „The Nebbishes“ in der Chicago Tribune und 75 weiteren Publikationen. Erfolgreicher als sein erster und einziger Roman „A Piece of the Action“ (1958) war er als Dramatiker mit der Uraufführung des Stücks „Tausend Clowns“ (1962). Seinen größten kommerziellen Erfolg erlebte er mit „I’m not Rappaport“, das 1985 uraufgeführt wurde, den Tony Award für das beste Stück des Jahres 1986 erhielt und 1996 verfilmt wurde.

Gardener geht es nicht um Gesellschaftsanalyse oder darum, die Ursachen von Armut zu untersuchen; mit Midge – ein schlichtes Gemüt, christlich, defensiv und halb blind –, und seinem Gegenpart Nat – eine pluriforme Persönlichkeit, kreativ bis vermessen, offensiv und sozialistisch – skizziert Gardener zwei arme Tröpfe. Zugleich sind sie Personifikationen der beiden Ideologien, die im Kalten Krieg aufeinandertrafen.

Regisseur und Schauspieler Sewan Latchinian, der die Rolle für das Gastspiel in Heilbronn neu übernommen hat, bringt Nat mit Verve auf die Bühne. Ob er als Anwalt einer renommierten Kanzlei oder als Mafiaboss, der einen Dealer zur Rede stellen will, in Erscheinung tritt, Latchinian gelingen die leicht überzeichneten Prototypen, wie man sie aus Hollywood kennt, aus dem Effeff.

Pierre Sanoussi-Bliss (der Götz der Spielzeit 2019 in Jagsthausen) gibt der Rolle des schlaksigen Midge Kontur und Glaubwürdigkeit. Ein Gospel auf den Lippen und Midges Welt ist wieder in Ordnung. Szenenapplaus erhält Sanoussi-Bliss für den endlos langen Atem, mit der er ein Spiritual ausklingen lässt. Seine lockere Laissez-faire-Haltung ist ein schöner Kontrast zu Nats starrköpfigem Eigensinn. Seine Selbstironie ist wohltuend: „Dieses Lächeln schenkte mir der Zahnarzt“. Nat nennt das „Verdammte Nostalgie!“, darauf fragt Midge: „Wann haben Sie das letzte Mal mit einer Frau geschlafen?“ und Nat entgegnet: „Jetzt werden Sie aber noch nostalgischer!“, der Dialog wirkt konstruiert, ist aber ein Lacher.

Apropos Frauen, die huschen in Form zweier Töchter von Nat über die Bühne. Quasi wortlos, aber sehr anmutig die uneheliche Laurie (Daniela Dalvai), entschlossen, den Vater ins Altenheim zu bringen die eheliche Tochter Clara, verkörpert durch eine resolute Andrea Lüdke. Beileibe nicht das fünfte Rad am Wagen ist Stefan Möller-Titel.

Er ist der Joker im Elend der Sozialromanze. Sportlich unterwegs kann er alles, ist Immobilien-Hai, Dealer im Cowboy-Look, Pausenclown mit Banjo, ein Straßenmusikant im Astronauten-Outfit und schließlich ein Indianerhäuptling, der nicht nur die singende Säge beherrscht, sondern, auch ganz klassisch, das Cello.

Und wer oder was ist Rappaport? Das sollte wohl ein Running Gag werden – der hat sich aber irgendwie verlaufen.

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