Kultur

Mainfranken Theater Regisseur, Schauspieler und Filmproduzent Werner Herzog spricht mit jungen Filmschaffenden / Immer „das Unmögliche wagen“ und „lesen, lesen, lesen“

Risiko und Mut statt institutionalisierte Feigheit

Laut „Time“-Magazin zählt Werner Herzog zu den 100 einflussreichsten Personen der Welt. Doch bei einem öffentlichen Teil eines Film-Workshops im Würzburger Mainfranken Theater war der Regisseur, Schauspieler und Filmproduzent vor allem direkt, ehrlich und authentisch. Beim anhaltenden Schlussapplaus waren viele Teilnehmer euphorisch – einige sogar zu Tränen gerührt.

Irgendwann wurde es „eine Lawine an jungen Leuten, die von mir lernen wollten“, erzählt Werner Herzog. Es ist bei einem Oevre von über 70 Filmen schwer, Referenzwerke zu nennen: „ Nosferatu – Phantom der Nacht“, „Fitzcarraldo“ oder „Grizzly Man“ gehören fraglos dazu. Die Zusammenarbeit mit dem brillanten wie manischen Schauspieler Klaus Kinski um die 1980er Jahre machte beide international bekannt – und Herzog zum Vorbild für Regisseure ebenso wie für junge Dokumentarfilmer.

Schüler-Filme auf Großleinwand

Da sitzt er, als wäre sein durchaus ungewöhnlicher Auftritt in der Provinz doch irgendwie selbstverständlich: Auf einem abgewetzten Stuhl, unspektakulär gekleidet, mit gefütterter Fleecejacke, einer Lesebrille mit Nackenband und Magneten im Steg – sie lässt sich so schneller auf- und absetzen. Seine Stimme wirkt immer etwas verhalten, geprägt von einem stark gemäßigten Münchnerisch, doch wenn er zum Wesentlichen kommt, wird er auch stimmlich ganz deutlich: „Ihr müsst an Grenzen herangehen, aber mit Bedacht.“

In Würzburg gab Herzog sein Wissen, seine Erfahrung, aber vor allem seine unbedingte Haltung an den Nachwuchs weiter. An mehreren fränkischen Gymnasien arbeiten ambitionierte Schüler-Filmteams an ganz unterschiedlichen Projekten. Die wurden im Theater per Groß-Projektion vorgestellt und von Herzog quasi live kommentiert, gewürdigt und kritisiert. Dass sich der Regisseur dafür Zeit nimmt, erscheint erst einmal verwunderlich. International beruft Herzog nämlich in der Regel Spontanworkshops in Flugplatzhotels oder im Urwald ein und die jungen Filmer müssen ihm dorthin nachreisen. Jetzt kam Herzog zu den Filmschaffenden, wohl auch aufgrund familiärer Beziehungen nach Würzburg.

Die Substanz zählt

„Ich versuche, etwas weiterzugeben, ein guter Soldat des Kinos zu sein“, hält Herzog fest. Das filmische Medium sei letztlich vollkommen egal – Zelluloid, Digitalkamera oder das Handy. Es geht um den Inhalt, die Geschichte, „die Substanz“. Und die besteht nicht aus Reden, Dialogen, sondern oft „nur“ aus Stille. „Acht geben auf die Momente, auf das Schweigen“, schärft Herzog den Zuhörern ein. Ein Film beginnt aber viel früher. Erst muss sich der Drehbuchschreiber, Kameramann, Regisseur (Herzog übernimmt oft sämtliche Funktionen) für Situationen, Landschaften, Ereignisse öffnen, sie in sich hinein lassen.

Der Filmemacher erzählt von einer taglangen Wanderung auf einer griechischen Insel mit einem Esel als Packtier. Irgendwann geriet er an einen steilen Abgrund.

Drunten im Tal drehten sich tausende Windmühlen. Der Eindruck habe ihn vollkommen berührt und so überwältigt, dass er geglaubt habe, er werde verrückt.

In seinem Film „Lebenszeichen“ (1968) baut Herzog genau dieses Erlebnis ein. Die Kamera schwenkt parallel über die fast irrwitzig und hypnotisch sich drehenden Windmühlen. Ein Wehrmachtssoldat verliert bei und nach diesem Anblick allmählich seinen Verstand.

Im Mainstream-Kino gebe es nur „institutionalisierte Feigheit“, das Vermeiden von Risiken, den Versuch, vorherzuberechnen, wie ein Werk ankommt und wie viel Geld es bringt. „Doch wir sollten das Leben und unsere Projekte mit Mut angehen und alle Risiken eingehen.“

In „Fitzcarraldo“ etwa habe er das Unmögliche gewagt: einen Flussdampfer über einen Bergrücken zu schleppen. Ohne Tricks und Spezialeffekte. Die Dreharbeiten gestalteten sich extrem schwierig und langwierig, das Projekt drohte mehrmals zu scheitern. „Ich war irgendwann der Einzige, der noch daran geglaubt hat“, erzählt Herzog. Abbringen ließ er sich trotz multipler Katastrophen nie von der Umsetzung seiner Vision. „Ein Projekt muss zuende gebracht werden.“ Punkt.

„Jedes weiße Haar auf meinem Kopf nenne ich Kinski“, sagt Herzog auf eine Frage aus dem Plenum hin. Die schwierige Zusammenarbeit mit Klaus Kinski hat er 1999 im Dokumentarfilm „Mein liebster Feind“ verarbeitet. (Auch) ein Film über eine von „Machtkämpfen und Eitelkeiten überschattete Männerfreundschaft“ (Lexikon des internationalen Films).

Der Atem stockt den Zuschauern im Würzburger Theater aber, als Herzog bislang unveröffentlichtes Material zeigt. In einer einzigen Einstellung (nur scheinbar spannungssteigernde Schnitte lehnt der Regisseur ab) zeigt er einen Freeclimber an einer überhängenden Felsnase hunderte Meter über dem Tal. Kein Off-Kommentar, keine Filmmusik – der Kletterer hängt irgendwann nur noch an einem vorspringenden Stein „ganz außen“ – und lässt dann unvermittelt mit einer Hand los, das Gesicht Richtung Kamera.

Es geht ein spontanes Zischen und Raunen durchs Publikum, jegliche Distanz zum dokumentarischen Filmgeschehen scheint verflogen. Das existenzielle Erleben und Tun des jungen Kletterers wird zum Gemeinschaftserleben.

„Wir haben das ohne jede Sicherung gedreht“, sagt Herzog lakonisch. Das Risiko als Grundprinzip auch hier, aber nicht ohne Kalkulation. Mit einem Kletteramateur hätte Herzog die Szene nicht gedreht.

Einsam auf die Suche gehen

„Wie findet man einen guten Filmstoff?“, fragt ein Schüler. „Macht Euch auf die Suche“, antwortet Herzog. „Einsam sein, wie man als Kind einsam war, als die Erwachsenen umhergingen, mit Dingen verflochten, die wichtig und groß schienen“, bezieht sich Herzog auf den berühmten Rilke-Brief an Franz Xaver Kappus. Am Anfang das Alleinsein mit einer Idee und dann: „die Sachen fallen über mich her....“

Film-Handwerk – man muss es sich aneignen durch Sehen, Erleben, Integrieren. „Schaut nicht nur Youtube an, lest, lest, lest.“ Büchners „Lenz“ zum Beispiel – der von Kompromisslosigkeit ebenso kündet wie von der Unsinnigkeit allzu harmonischer Zustände. Die Unruhe, das Verlassen von vermeintlich sicheren Positionen, die Hinwendung zur Vision, zu Formen von Ekstase, das „erzeugt Magie“. Werner Herzog wird noch deutlicher: „Ohne Lesen werdet Ihr nur mittelmäßige Filme machen.“

Es ist offensichtlich, dass der Regisseur nicht nur von Filmen spricht, sondern von einem Lebensprinzip in der (u.a. kommerziell) angepassten Gegenwart, in der Effekte echte Emotion aus- oder ablösen (er erläutert das bei Filmmusiken). Sein (Gegen-)Entwurf: Sich wieder für Welt-Erfahrung öffnen. In der Haltung kompromisslos, vielleicht manchmal auch rücksichtslos.