Kultur

Klassik Fünftes Akademiekonzert mit dem Dirigenten Ben Glassberg und der Pianistin Marianna Shirinyan im Rosengarten

Ohne Pathos und Marmorglanz

Natürlich weiß die armenische Pianistin Marianna Shirinyan, was sie da spielt: eines der beliebtesten und populärsten Werke Mozarts, sein 1786 komponiertes A-Dur-Klavierkonzert (KV 488), entstanden während seiner glücklichen Wiener Jahre. Ein Kleinod, dem sich die Solistin beim fünften Akademiekonzert im Mannheimer Rosengarten spielfreudig, virtuos und mit angemessener Empfindsamkeit widmet.

Ihr nuancierter Anschlag, nie scharf oder trocken, trägt leuchtend und atmend die Leichtigkeit ihres Spiels und schützt es vor falschen Sentimentalitäten. Eine Ehrlichkeit, die sich auch dann bewährt, wenn sie in der Poesie des Adagios behutsam aufgeht, wenn sie mit Hilfe des flexibel begleitenden Nationaltheater-Orchesters unter Ben Glassberg die Innenseite dieser Ausdruckswelt erkundet.

Wunderbare Zugaben

Shirinyan ist eine feinsinnige Erzählerin am Klavier. Ihre Töne kippen nie ins grob Pauschale. Das gilt für rasche Läufe ebenso wie für den brillant pointierten Finalsatz. Vom Orchester hätte man sich allerdings etwas mehr Konturenfestigkeit gewünscht, mehr formale Gewichtung und Sicherheit, um die Bewegungsimpulse dieser Musik genauer zu erfassen. Wunderbar die beiden Zugaben der Pianistin: Schuberts Impromptu op. 90,2 und Chopins Mazurka op. 17,4. Begeisternd, wie sie in beiden Stücken Zeit und Rhythmus miteinander verbindet, wie sie Ton für Ton als tief empfundenes Bekenntnis entwickelt, schnörkellos, ohne parfümiertes Beiwerk.

Ein radikaler Kontrast zu György Ligetis „Concert Românesc“ zu Beginn des Abends. Vor seiner Flucht in den Westen hatte sich der ungarische Komponist ausgiebig mit rumänischer Folklore und der Volksmusik seiner Heimat beschäftigt. Einflüsse, die er zu einem bemerkenswerten Frühwerk verschmelzen konnte, auf das er später jedoch nicht so gern zu sprechen kam. Wohl zu Unrecht, wie sein 1951 komponiertes Stück beweist, dessen flächig angelegte Klangbänder immer wieder von spröden tänzerisch-rhythmischen Passagen abgelöst werden. Überraschend vielleicht, dass bereits ansatzweise die für Ligetis weiteres Schaffen so bedeutsamen fluktuierenden Klangzustände zu erkennen sind. Für das Nationaltheater-Orchester jedenfalls eine immense Herausforderung, die es glänzend bewältigt.

Bereits die ersten Takte der langsamen Einleitung zur zweiten Sinfonie von Beethoven verraten, dass Ben Glassberg nicht zu jener jüngeren Dirigenten-Generation gehört, die Beethovens Musik um jeden Preis dramatisch zuspitzen will. Offenbar genügen ihm ausgeformte motivische Bezüge und gezielt eingesetzte instrumentale Farben, um die Energiezentren und den Ausdruckssog dieser Sinfonie zu erschließen. So überrascht es auch nicht, dass er jenen d-Moll-Dreiklang markant profiliert, mit dem Beethoven das Hauptthema der neunten Sinfonie vorweg zu nehmen scheint. Hier ist er ein Signal des Schreckens, von dem aus die dramatischen Entwicklungsstränge konsequent zur dynamischen Entfaltung im abschließenden Allegro molto führen.

Beglückende Träumereien

Gemeinsam mit dem Orchester, das sich technisch in bester Verfassung präsentiert, findet Glassberg zu einem flutenden, zielstrebigen Ton, macht er Schichtungen und Verwerfungen hörbar, die nachdrücklich auf die spätere „Eroika“-Sinfonie verweisen. Doch so bemerkenswert auch sein mag, wie Glassberg den forcierten Steigerungen im drängenden Vorwärtsgang suggestive Kräfte absaugt, gelegentlich wirkt das eher vorgeführt als persönlich durchlebt. Schließlich wird in der „Zweiten“ auch eine Krisensituation verhandelt, die manche Biografen mit der beginnenden Ertaubung des Komponisten in Verbindung bringen.

Aber das wahre Wunder ereignet sich ja zuvor. Denn zwischen all den wilden Ausfahrten und herben Schraffuren erklingen im langsamen Satz beglückende instrumentale Träumereien, die zum Zartesten und Innigsten gehören, was Beethoven jemals erfunden hat. Einfach grandios.

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