Kultur

Festival des deutschen Films Die mit dem Preis für Schauspielkunst geehrte Julia Koschitz spricht auch mit den Blicken

Neinsagerin mit Audrey-Hepburn-Augen

„Nennen wir es mal Karriere“, sagt sie bei der Preisverleihung über ihren Werdegang. Das können wir auch ruhig, denn Julia Koschitz hat sich zu den renommiertesten Fernseh- (und manchmal Film-)Schauspielerinnen Deutschlands hochgearbeitet. Ein Glück, dass sie als Bühnenbildnerin einst nicht genommen wurde. Und auch keine Tänzerin geworden ist, obwohl das kleine Mädchen Julia den Berufstraum Primaballerina hatte. Das verbinde Koschitz mit der großen Audrey Hepburn, sagt ihr Lobredner Michael Kötz, der ihr beim Festival des deutschen Films in Ludwigshafen auf der Parkinsel den Preis für Schauspielkunst 2019 aushändigt. Wie Hepburn hat auch Koschitz diese Kamera-affinen großen Augen. Augen, die zu Hepburns Zeiten wohl als „Reh-Augen“ bezeichnet worden wären.

Höchste Diskretion

Heute wäre es natürlich streng verboten und als wunschgelenkte Männerfantasie verdächtig, eine Frau als schönes, scheues Tier zu deuten. Übrigens aus gutem Grund. Dass auch der Preis für Schauspielkunst aus gutem Grund an Koschitz geht, erläutert Festivalchef Kötz vor gut 2400 Besuchern in den beiden riesigen Kinozelten auf der Parkinsel: weil Koschitz im Privaten (Home-Stories gebe es von ihr keine) wie im Künstlerischen stets auf höchster Diskretion beharre. Ihre oberste Devise sei Glaubwürdigkeit – soweit der jeweilige Film es zulasse. Nicht jeder Film im deutschen Fernsehen gestattet das, gegen den Schmalz melodramatischer Geschichten muss auch eine Julia Koschitz manchmal sehr beharrlich ankämpfen. Sie dreht nicht eben wenig: Mindestens ein halbes Dutzend Filme werden es zumeist pro Jahr.

„In dunklen Zeiten“ werde sie sich gern an ihren neuen Preis erinnern, sagt die Ausgezeichnete in Ludwigshafen. Wenn sie wieder einmal lange auf ein gutes Drehbuch warten müsse. Koschitz dankt ihrer Agentin, die sie konsequent zum Neinsagen ermuntert habe. Aber zu „Im Schatten der Angst“ (Regie: Till Endemann) hat Koschitz Ja gesagt, der Film wird anlässlich der Preisverleihung aufgeführt. Es ist ein klaustrophobisch enger, dunkler Psychothriller, der aus Vorbildern und Mustern aus der Kriminal- und Filmgeschichte bittersüßen Honig saugt. In Ludwigshafen zählt er zu den eher anspruchsvollen Filmen, die den Stempel „Stilbewusst erzählt“ verpasst bekommen haben. Nicht nur für die Ausleuchtung des kargen, rosafarbenen Befragungszimmers.

Koschitz duelliert sich in dem Film als Psychologin mit einem bekannten Architekten, der vielleicht ein Serienmörder ist. Gespielt wird er in jedem Fall von Justus von Dohnányi, der seit einem „Tatort“-Film aus Frankfurt („Eine bessere Welt“, 2011) als Spezialist im Darstellen von psychisch Schwergeschädigten gehandelt wird. Im „Schatten der Angst“ ist er ein Profi-Psychopath mit Stil und teuren Weißweinen im Keller, der die Arbeitsteilung zwischen Psychologin und Patient bisweilen umzukehren sucht, sein Gegenüber immer wieder in die Enge treibt.

Und dieses Gegenüber fürchtet alles Enge oder Dunkle, weil es selbst von ziemlich finsteren Geheimnissen aus seiner Kinderzeit nicht richtig loskommt. Julia Koschitz spielt das großartig und zeigt, dass auch die hauptberufliche Versteherin – die Psychologin – oft auf dünnem Eis wandelt. In seiner Lobrede spricht Festivalchef Kötz davon, wie Koschitz demonstriere, dass die unterschiedlichen Figuren, die sie spiele, nie ganz wissen könnten, wer sie wirklich seien. Wie sie selbst.

Den jungen Mann, der in dem Psychothriller ihren Assistenten gibt, hat sie nach Ludwigshafen mitgebracht. Und Aaron Friesz beteuert, er sei auch in Sachen Schauspielkunst nur „Praktikant“. Neben Kollegin Koschitz. Die das alles, inklusive der Laudatio, „völlig übertrieben“ findet – es sei fast, als ob sie 80 wäre und schon für ein Lebenswerk gefeiert werden müsse. Doch sie nehme es natürlich trotzdem sehr gern an. „Ich fühle mich gesehen“, sagt sie.

Danach, im brechend vollen Diskussionszelt, spricht sie auch von ihren langen Lehrjahren. Auf dem Theater, oft auf kleinen Bühnen und in der „Provinz“. Sie habe dabei viel gelernt. „Doch im Theater bin ich nie an den gewissen Punkt gekommen“, sagt sie. Soll bedeuten: kaum an große Häuser. Schaubühnen- und Burgtheater-würdig wäre Julia Koschitz vielleicht nie geworden, deshalb orientierte sie sich immer mehr in Richtung Fernsehen und Film. Hier fand sie ihre wahre und gewiss nicht kleine Schaubühne.

Info: Dossier zum Filmfestival: morgenweb.de/fddf

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