Kultur

Film Christian Petzold bereitet in „Undine“ mit Paula Beer den Stoff neu auf

Mythos und Moderne

Archivartikel

Für Zwischenmenschliches interessiert sich Christian Petzold, siehe „Yella“, „Barbara“ oder „Phoenix“. Um unmögliche Liebe, zerstörte Liebe oder eine, die sich vielleicht noch entwickelt, ging es bei ihm bislang. Einen anderen Zugang hat der Träger des Schillerpreises für „Undine“ gewählt.

Passend zur Begründung des Gemeinderats der Stadt Mannheim, den Regisseur und Drehbuchautor 2020 mit der mit 20 000 Euro dotierten Auszeichnung zu ehren: „In den Filmen von Christian Petzold spiegeln sich deutsche Geschichte und Gegenwart in seltener Intensität. Petzold ist ein Meister des komplexen Erzählens. Statt einfache Lösungen anzubieten, hält er alles lieber in der Schwebe und öffnet so Gedankenräume. Raffiniert knüpft er dichte Fäden zwischen der Vergangenheit und der gesellschaftlichen Realität von heute.“

Peter von Matts „Liebesverrat“ mit der Undine-Sage hat ihn zu seiner aktuellen Arbeit inspiriert, Friedrich de la Motte Fouqués „Undine“, Albert Lortzings gleichnamige Oper und Hans-Christian Andersens berühmte „kleine Meerjungfrau“. Besonders aber die Erzählung „Undine geht“ (1961). „Da spricht eine Frau. So könnte man einen Film machen, dachte ich, wenn es um die Undine geht, um die Verzweiflung der Undine. Der Fluch bei Ingeborg Bachmann ist der, dass die Männer niemals treu sind, weil sie sich im Grunde nur selber lieben. Und diesen Fluch zu brechen, aus einer weiblichen Perspektive, kam mir als richtige Erzählhaltung vor. Dass die Undine bei uns nicht wieder zum Waldsee will. Dass sie nicht töten will...“

Entsprechend unterscheidet sich seine Verfilmung von vorangegangenen Varianten wie Neil Jordans „Ondine – Das Mädchen aus dem Meer“ (2009) oder Eckhart Schmidts „Undine“ (1992). Seine Heldin, Historikerin Undine Wibeau (Paula Beer), lebt in einer Wohnung am Berliner Alexanderplatz. Als ihr Freund Johannes (Jacob Matschenz) sie unerwartet verlässt, bricht die Welt für sie zusammen. Sie ist sprachlos. Hat nicht mehr viel zu sagen. Nur: „Du kannst nicht gehen. Wenn Du gehst, muss ich Dich töten.“ Die Zeichen stehen auf Drama – und auf Mystery.

Denn in Gegenwart der jungen Frau zerplatzt ein Aquarium. Wasser scheint sie anzuziehen. Da passt es, dass sie sich in den Industrietaucher Christoph (Franz Rogowski) verliebt. Es ist eine neue, glückliche, vollkommen andere Erfahrung, voller Neugier und Vertrauen.

Atemlos verfolgt Christoph ihre Vorträge über die auf Sümpfen gebaute Metropole. Stadtmodelle erklärt sie Touristen. Bauten, die seit der Wende entstanden sind, das Ost-Berlin der DDR, das Zentrum innerhalb des S-Bahn-Rings . . . Wenn sie frei hat, begleitet Undine Christoph bei seinen Tauchgängen in einem Stausee oder liebt sich mit ihm in einer billigen kleinen Pension: Momente des Glücks.

Doch sie sind nicht ungetrübt. Christoph spürt, dass Undine vor etwas davonläuft. Noch etwas erledigen will. Sie muss sich einem Fluch stellen. Alles tun, um ihren wunderbaren Mann nicht zu verlieren.

Eine Neuinterpretation der Legende. Eine zeitgemäße, in einer entzauberten Welt angesiedelte Mär. „Märchen können eine Welt neu erschaffen, in der Wünsche wahr werden können. Ich glaube, darum geht es auch im Kino“, erklärt der Filmemacher. Ein „Gespenster“-Film, der Romantik verpflichtet, pendelnd zwischen Hauptstadt und westfälischer Versetalsperre. Eine Liebesgeschichte über und unter Wasser, wo sich geheimnisvolle Ruinen, Schlingpflanzen und ein Wels finden. Mythos trifft auf Moderne, Fantasie auf Alltagsrealität – mit Raum für Abschweifungen. So wird der berüchtigte Stau am Kamener Kreuz genauso thematisiert wie das umstrittene Humboldt Forum, das „Museum in Gestalt eines Herrscherpalasts des 18. Jahrhunderts“.

Gerne hofft und bangt man mit Beer – sie gewann auf der Berlinale einen Silbernen Bären – und Rogowski. Einen eindrucksvollen Kurzauftritt als Undines resolute Kollegin Anna absolviert Anne Ratte-Polle, als Macho-Kotzbrocken, der nach gescheiterter Neobeziehung zur Ex-Freundin zurückzukehren versucht, überzeugt Matschenz.

Ruhig folgt Hans Fromm mit seiner Kamera den Figuren, betörend schön fallen seine Unterwasseraufnahmen aus.

Und Petzold, ganz bei sich, beweist nachhaltig, dass er mehr kann als nur „Berliner Schule“.

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