Kultur

Mainfranken Theater Würzburg Lebhaft-stürmischer Beifall für Jacques Offenbachs Operette „Die schöne Helena“ / Die nächste Aufführung ist schon am heutigen Freitag

Launische, amüsierlustige Götter im Wellness-Tempel

Gibt es etwas Reizvolleres als sich an einem kalten, ungemütlichen Winterabend in einem Wellness-Tempel zwischen korinthischen Säulen nach allen Regeln der Kunst zu entspannen und verwöhnen zu lassen? Dieses Vergnügen bietet Jacques Offenbachs Operette „Die schöne Helena“ am Mainfranken Theater für vergleichsweise kleines Geld. Schließlich hat sich seit der Antike herumgesprochen, dass die reizende Gesellschaft der schönsten Frau der Welt nicht ganz umsonst zu haben ist.

Regisseurin Pascale-Sabine Chevroton und Bühnenbildnerin Alexandra Burgstaller, die auch für die Kostüme verantwortlich zeichnet, gehen auf Nummer sicher und lassen den Herzensbrecher Paris von der strengen Auftraggeberin Venus mit einem Koffer voller unverzichtbarer Utensilien eines Geheimagenten ausstatten: Lederjacke, Pilotenbrille und silberfarbene Pistole. Nicht als Schäfer, sondern als Agent getarnt, soll er keine Ganoven, sondern eine tugendhafte Helena zur Strecke bringen. In der weitläufigen Empfangshalle des Luxus-Resorts hat Kalchas, der Großaugur des Jupiter, alles unter Kontrolle, einschließlich der überdimensionalen goldenen Schlüssel hinter dem Tresen. Für die launischen Götter, die sich amüsieren wollen, ist eben nichts zu teuer. Langeweile plagt Helena, die sich von Kalchas noch einmal das Ergebnis des Schönheitswettbewerbs bestätigen lässt, bei dem der Juror Paris sich für Aphrodite entschieden hatte, die zum Dank für den Siegesapfel dem König von Troja als Hirte verkleidet die Eroberung der schönsten Frau versprach.

Und auch Kalchas pflichtet Helena bei, dass nur sie gemeint sein könne. Das Problem: Wo bleibt Paris nur, um sie von ihrem tapsigen Kugelblitz Menelaus zu erlösen, der zwar König von Sparta ist, sie aber als Ehemann selbst ansatzweise nicht befriedigen kann und respektlos von Agamemnon, dem König der Könige, in scheinbarer Zerstreutheit mit „Minimaus“, „Minimalus“ oder – vorweihnachtlich passend – mit „Nikolaus“ angeredet wird. Ein wenig flatterhaft ist diese Helena schon; kein Wunder, denn gerüchteweise soll es eine Affäre zwischen ihrer Mutter Leda und einem Schwan gegeben haben, dessen Gestalt niemand Geringerer als Zeus gewesen sein soll. Wem jetzt der Überblick über die griechische Mythologie nebst Stammbaum fehlen sollte, dem sei das Studium der mit Pfeilen und Herzen liebevoll von Antonia Tretter illustrierten Historie im Programmheft empfohlen.

Wettstreit

Amüsant gerät im ersten Akt der Wettkampf der Dichter und Denker, bei dem sich unter der Leitung des souveränen Agamemnon und seines zerstreuten Bruders Menelaus zwei Ajaxe als Hobby-Dichter nach allen Regeln der Kunst blamieren. Selbst Achill – der mit der Ferse – muss neidlos die Überlegenheit eines unbekannten Teilnehmers anerkennen, der sich als Schäfer vorstellt und mit drei Äpfeln jonglierend sich auch geistig als sehr flexibel erweist. Erst als ihm der Lorbeerkranz aufs Haupt gedrückt wird, offenbart er seine Herkunft. Alle Könige zeigen sich erleichtert, dass nicht ausgerechnet ein Schafhirte den Königen geistig überlegen ist. Ausgerechnet der eifersüchtige Menelaus lädt nichtsahnend den Nebenbuhler zum Dinner ein, er selbst soll aber nach Meinung aller Gäste rasch mit einer Reise nach Kreta „entsorgt“ werden. Nicht so freizügig wie es sich der Chor (Einstudierung: Anton Tremmel) vorstellt, greift Helena zu einem langen Abendkleid, mit dem sie Paris empfängt. Selbstredend fängt sie Feuer und verlangt von Kalchas einen schönen Traum, den sie dann auch in Gestalt des Paris bekommt, der züchtig mit Hemd und Hose zu ihr ins Schaumbad steigt. Kurz bevor es zwischen Helena und Paris zum Äußersten kommt, erscheint plötzlich der wütende Menelaus, der doch keine Lust auf den ihm aufgedrängten Kreta-Trip verspürt. Paris bekommt Hausverbot, rächt sich dann aber mit der Entführung Helenas. Dies führt bekanntlich zum Trojanischen Krieg, was die Regisseurin dazu bringt, abweichend von vielen anderen Inszenierungen, im Schlussbild auf eine atemberaubende Tanzsequenz zu verzichten.

Als Helena brilliert Mezzosopranistin Marzia Marzo, die nicht nur mit ihrer samtig timbrierten Stimme, sondern auch schauspielerisch in einer Männerwelt frei von Zickigkeit mit aparter Erotik zu glänzen versteht. Passend zur Titelrolle singt nur sie auf Französisch. Geradezu akrobatisch lässt sie sich bei einer gespielten Ohnmacht von der Couch auf den Boden sinken. Als verliebter Paris schlägt sich Roberto Ortiz mit Grandezza und Wohlklang gegen alle Widerstände zur angebeteten Helena durch. Viel Vergnügen bereitet Daniel Fiolka als grotesker „König der Könige“. Geschickt choreographierte und minutiös geplante Einsätze des gewohnt spielfreudigen Chores lassen den Eindruck gepflegter Langeweile erst gar nicht aufkommen.

Aus den Reihen des Chores lassen sich immer wieder Nebenrollen ideal mit beweglichen Stimmen besetzen. Herbert Brand spielt Philokoms, den Diener des Kalchas, Ajax I und Ajax II verkörpern Tobias Germeshausen und Paul Henrik Schulte, Young Bae Shin gibt Achill, den kleinkarierten König von Phtiotis. Ein wesentlicher Anteil des lebhaft-stürmischen Beifalls ohne jede Eintrübung gebührt dem Philharmonischen Orchester unter Leitung von Marie Jacquot.