Kultur

Das neue Buch Stephen King legt mit „Blutige Nachrichten“ ein weiteres Meisterwerk vor

Klassischer Grusel vom Meister persönlich

Es sind erschütternde Nachrichten, die da aus der beschaulichen Gemeinde Pineborough in Pennsylvania dringen. Um nicht zu sagen: blutige Nachrichten. An einer Schule explodiert in der Vorweihnachtszeit eine Bombe. Ein als Postzusteller verkleideter Mann mit Schnurrbart hat sie als Weihnachtspäckchen dort platziert. Die Explosion ist so heftig, dass noch in einer Meile Entfernung Fensterscheiben zerbersten. Dutzende Kinder sterben, viele mehr werden verletzt.

Während die Opfer noch unter Trümmern verschüttet liegen, rollen die Übertragungswagen aus allen Himmelsrichtungen an. Schließlich verkaufen sich blutige Nachrichten gut.

Der Lokalreporter Chet Ondowsky, Wpen, Kanal elf, ist als erster vor Ort. „Es ist furchtbar, eine furchtbare Tragödie“, ruft er in das Mikrofon, das er mit zitternden Händen hält. Aber irgendetwas stimmt da nicht.

Stephen King, König des Horrors, meldet sich zurück. Das Buch „Blutige Nachrichten“ (Heyne, München) umfasst vier Kurzromane, die auf 553 Seiten ein breites Spektrum an Fürchterlichkeiten abdecken und die dem Leser eine angenehme Dosis Gänsehaut in den Nacken treibt.

Mit der titelgebenden Geschichte setzt King seinen 2018 veröffentlichten Roman „Der Outsider“ fort. Man muss diesen Roman über ein gestaltwandlerisches, kindermordendes Monster aber nicht gelesen haben, um die Kurzgeschichte verstehen und genießen zu können. Heldin ist die sympathisch-schüchterne Holly Gibney, die bisher meist nur eine Statistenrolle in Kings Krimireihe einnehmen durfte. Entsetzt sitzt Holly vor dem Fernseher und sieht sich die Eilmeldungen und Sondersendungen zu dem Schulmassaker in Pineborough an. Aber neben dem Schock lässt sie der Gedanke nicht mehr los, dass der Reporter etwas Seltsames an sich hat.

Hatte er nicht in der vorherigen Schalte noch ein Muttermal? Die Detektivin geht der Sache auf eigene Faust nach – und sieht sich bald einem übermächtigen Feind gegenüber. Sie will ihren Gegner in eine Falle locken. Aber nichts klappt wie geplant.

In diesem King-Krimi geht es mehr um Detektivarbeit als um übernatürlichen Horror und Hokuspokus. Andere Kurzgeschichten in dem Buch haben mehr Spuk zu bieten, und der Grusel ist so klassisch, wie man ihn von King eben kennt.

Stephen King, mittlerweile 72 Jahre alt, schreibt seit mehr als vier Jahrzehnten Horrorgeschichten – und er macht keine Anstalten, damit aufzuhören.

Er produziert Grusel am laufenden Band, bleibt seinem Stil treu und schafft es immer noch, seine Leser zu erschrecken.

In seiner neuen Kollektion rückt er vielschichtige Protagonisten in den Mittelpunkt mit all ihren Sehnsüchten, Schwächen und Ängsten. Es geht um Erniedrigungen im Alltag und um die Tücken moderner Technik. Und um ein sprechendes Nagetier.

Auch nach knapp einem halben Jahrhundert fällt es schwer, ein Buch von Stephen King mittendrin einfach wegzulegen. Das gilt auch für „Blutige Nachrichten“. Man muss lesen und blättern, immer weiter blättern, bis zur letzten Seite – wie von Geisterhand. dpa

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