Kultur

Musiktheater Estelle Kruger gibt Bellinis „Norma“ Größe

Kampf dem Feinstaub der Musik

Vorsichtshalber schauen wir noch mal auf den Besetzungszettel, und da steht es unumstößlich: Estelle Kruger feiert in der Titelrolle von Bellinis „Norma“ ihr Debüt. Das sieht und hört man ihr bei dieser Nationaltheater-Wiederaufnahme freilich nie an, sie scheint mit der Druiden-Priesterin im alten Gallien völlig eins zu sein.

Die ganze Bandbreite der Riesenrolle – hat schon jemand ausgerechnet, wie viele Minuten Norma singen muss? – füllt Kruger aus. In Sachen Stimmtechnik genauso wie in Sachen expressiver Darstellung. Das Lyrische trifft immer wieder auf das Virtuose und bisweilen sogar Hochdramatische, Kruger liefert dem Publikum in Mannheim ein Kompendium der Gesangskunst der Bellini-Ära.

Wie es sich für eine große Liebende und Leidende gehört, der Markus Bothes Inszenierung eine Art Terrarium ihrer Leidenschaften baut – im Wurzelwerk der bühnendominanten gallisch-deutschen Nationaltheater-Eiche. Oben sitzt das Volk, bedeckt vom Feinstaub einer Menschen mahlenden Geschichte. Aber diesen Staub singen sich sämtliche Beteiligten aus den Kostümen: Bei Andreas Hermann als Pollione wird der helle Glanz des römischen Imperiums, der im Zweifelsfall auch alles niederbrennt, zu tenoraler Strahlkraft. Bei Jelena Kordic als Novizin Adalgisa glühen eher dunkle Leidenschaften, waltet manchmal finstere Entschlossenheit.

Kriegerischer Vater wird weich

Und nicht nur Estelle Kruger debütiert in ihrer Rolle: Auch Bartosz Urbanowicz (ein kriegerischer Vater, der zu weichen und humanen Tönen findet) und Raphael Wittmer (ebenfalls ein Vokalist mit feiner Klinge) tun dies mehr als achtbar. Nur Natalija Cantrak als Clotilde bleibt ein bisschen unauffällig, aber das liegt hauptsächlich an ihrer kleinen, ziemlich undankbaren Rolle.

Ausgesprochen dankbar ist dafür die Rolle, die dem Chor zuwächst, Direktor Dani Juris lässt ihn mehr als einmal schon an Verdi denken. Und auch Wolfgang Wengenroth gönnt dem Orchester mehr als nur Kapellmeister-Verlässlichkeit. Vom alten, falschen Vorurteil, Bellini habe es vernachlässigt, ist nichts zu hören.