Kultur

Staatsoper Stuttgart Beifall und Buh-Rufe für „Boris“ von Modest Mussorgski und Sergej Newski

In jeder Beziehung ein Durcheinander

Archivartikel

Einfach „Boris“ ist der Titel der jüngsten Premiere in der Staatsoper Stuttgart. Dabei handelt es sich um einen russischen Musiktheater-Mix. Zum einen steht „Boris Godunow“ von Modest Mussorgski in der Urfassung von 1869 auf dem Programm, zum anderen „Secondhand-Zeit“ von Sergej Newski, die Uraufführung einer Auftragskomposition der Staatsoper Stuttgart. Diese zwei musikalischen Werke werden mit der Begründung eine „dystopische Welt“ zeigen zu wollen, ineinander verwoben. Dabei entsteht in jeder Beziehung ein Durcheinander, das weder zum besseren Verständnis der einen noch der anderen Handlung beiträgt.

Die Quelle, aus der Mussorgski, auf Anregung des Historikers Wladimir Nikolski, schöpfte, war die unvollendete, nicht zur Aufführung bestimmte „Dramatische Chronik von dem Untergang des moskowitischen Reiches, dem Zaren Boris und dem Grischka Otrepjew“ von Alexander Puschkin. Erzählt werden der Aufstieg des jungen Mönchs Grigori Otrepjew als falscher Zarewitsch Dimitri, der Fall des Zaren Boris Godunow und die fast unveränderten Leiden des unterdrückten, gemeinen Volks.

Die Musik ist aus den Quellen russischer Kirchen- und Volksmelodien gespeist, wobei auch einige Originale verarbeitet wurden. So entstanden elementare, zuweilen etwas kantige, aber immer seelentiefe und gemütvolle Klangbilder. Der 1972 in Moskau geborene, russische Komponist Sergej Newski vertonte sechs Biografien aus dem 2013 erschienenen Buch „Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus“ der inzwischen 71-jährigen Weißrussin Swetlana Alexijewitsch. In ihm erzählt die Literaturnobelpreisträgerin des Jahres 2015 „scheinbar unheroische Lebensläufe des 20. Jahrhunderts, die zugleich den oft gewaltsamen Gang der großen Weltgeschichte spiegeln“.

Wie Mussorgski lässt auch Newski russische Volksmusik in seine Komposition einfließen. Sechs „Episodenhelden“ aus „Boris Godunow“ werden zu Protagonisten seiner Komposition. Am Ende steht nicht der Tod des Zaren, sondern ein von Newski komponierter Epilog mit Stimmen aus dem Volk.

Mit viel Aufwand haben Joki Tewes und Jana Findeklee die Bühne gestaltet, auf der nicht nur das Volk und die Protagonisten – diese dazu noch in der Mittel- und in den Proszeniumslogen des ersten Rangs – agieren, sondern auf der auch Video-Einspielungen zu sehen sind. Was die Kostümierung der Mitwirkenden betrifft, bedienen sich Pia Dederichs und Lena Schmid der Materialien und Stile verschiedener Zeiten, von russischer Pseudo-Folklore bis hin zu greller Kleidung aus Kunststoff von heute.

Der Regisseur Paul-Georg Dittrich reiht die Szenen der alten und neuen Oper im Wechsel aneinander, ohne sie im Grund miteinander zu verzahnen. So sieht man in erster Linie ein wildes Durcheinander, bei dem die Protagonisten kaum ein eigenständiges, unverwechselbares Profil bekommen.

Dazu kommt noch der von Bernhard Moncado einstudierte Kinderchor als Beiwerk.

Mit bewundernswerter Präzision und Transparenz bringt Titus Engel die zwei Kompositionen mit dem Staatsorchester Stuttgart zum Klingen. Von den Sängern gewinnen vor allem Adam Palka als Boris Godunow und Goran Juri· als Pimen stimmliches Profil, aber auch Matthias Klink als Fürst Schuiski, Elmar Gilbertsson als Grigori Otrepjew und Petr Nekoranec als Gottesnarr.

Neben reichem Beifall gab es auch heftige Buh-Rufe.

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