Kultur

Carmen Würth Forum Florian Schroeder begeistert

Herrlich auf Provokation gebürstet

Florian Schroeder attackiert und irritiert sein Publikum. Auf der anderen Seite parodiert er virtuos das politische Personal bis zur Kenntlichkeit. Der Kabarettist, Jahrgang 1979, gehört zur Generation „Irgendwas mit Medien“ – und die setzt er in seinem „Ausnahmezustand“ noch präziser und gezielter ein als in Vorgänger-Programmen. TV-bekannt wird „der Mann, für den der Ausnahmezustand der Normalzustand ist“ (so die Stimme aus dem Off) von den 380 Fans im Carmen Würth Forum in Gaisbach mit frenetischem Applaus empfangen.

Schlank wie ein Model, hellwach wie nach drei Espresso und herrlich auf Provokation gebürstet, sondiert Schroeder sein Publikum: Wer ist von Ihnen links? Wer war mal links? Wer ist rechts? Das Publikum reagiert vorsichtig, besonders zögert es bei der Frage: „Und wer weiß nicht mehr, wo er steht?“ Für Schroeder logisch, denn wer die Orientierung verloren hat, braucht etwas länger, um die Frage zu verstehen.

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Als Vorspiel gibt es eine dreiminütige Mediendusche: In rasantem Schnitt schwappt alles rüber, was uns täglich an Buntem und Bösem zugemutet wird: Von Schlagzeilen aus Sport („Bei uns herrscht Ausnahmezustand“) und Politik („Nach den Anschlägen in Paris: Parlament ver–längert Ausnahmezustand“, „Kabinettsbeschluss in Ankara: Ausnahmezustand in der Türkei verlängert“) über Bilder diktatorischer Selbstdarsteller, grimassierender Popstars und chirurgisch glattoperierter Diven bis zu martialischen Aufmärschen, blutrünstigen Explosionen ist alles dabei, was die Nachrichtenlage der letzten zwei Jahre hergibt. Im Alltag als Berieselung wahrgenommen, wird die komprimierte Informationsflut zum Erkenntnis-Shower.

Für die Geschichts-Vergessenen hält der studierte Germanist und Philosoph ein Zitat von Carl Schmitt (1888 bis1985) bereit: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“. Wie ein Menetekel schwebt der rätselhafte Gedanke über dem Abend. Zu den Updates des Programms von 2018 gehört auch Greta Thunberg bei der Verleihung der „Goldenen Kamera 2019“ in Berlin. Schroeder legt der Klima-Aktivistin das Reich-Ranicki-Zitat „Ich lehne den Preis ab“ in den Mund. Was die Thunberg vermutlich nicht wusste, nach ihr wird eine Nachwuchs-Schauspielerin ausgezeichnet und erhält von VW (Partner der öffentlichkeitswirksamen Veranstaltung) einen SUV – auch für den Klimakiller gibt es Ovationen des Berliner Publikums, das eben noch der 16-jährigen Klima-Kämpferin applaudiert hatte.

Je eklatanter die Widersprüche der Realsatire, desto sprachloser die Zuschauer. Nach der (zu langen 43-Minuten-) Pause sichtet der Schnelldenker Karten mit Publikumskommentaren. Die Ausbeute sei hier in Gaisbach wenig ergiebig. Oft ist weniger aber mehr: „Sie sind live noch besser als im Fernsehen“ schreibt eine Besucherin. Beim genauen Hinschauen stellt er überrascht fest: „Da steht nicht besser, da steht böser! Ein Freud‘scher Verleser“, schlagfertig hat der Schnelldenker eine Pointe und die Lacher auf seiner Seite. Der Verleser des Vorlesers wandert über Instagram für 24 Stunden in die Cloud.

Wer ist gut? Wer oder was ist böse? Mit Goethe („Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will, und stets das Gute schafft“) und Hölderlin („Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“) wendet sich Schroeder gegen simple Gut-Böse-Schemata. Ratespiele (Zitate aus Bibel und Koran) und ein Bonus-System aus Greta-Punkten für verantwortungsvolles Handeln, begeistern die Fans.

Thüringer Scharmützel

Wie fürs Thema maßgeschneidert ist das aktuelle Thüringer Scharmützel samt Berliner Debakel. Der Vertrauensverlust der Bevölkerung in die (opportunistisch) nach Macht gierenden Volksvertreter ist mit Händen zu greifen. Für Schroeder ist klar: „Ramelow ist so sehr Kommunist, wie Winfried Kretschmann ein Kämpfer gegen die Autoindustrie“. Und er wird noch deutlicher: „Es waren schon immer die Konservativen, die den Faschisten die Tür aufgehalten haben, damit die in aller Ruhe einmarschieren konnten“. Diese Kernbotschaft korrespondiert auf seltsame Weise mit dem Zitat von Carl Schmitt: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“.

Eine grandiose Markus Lanz-Parodie (zu Gast sind CSU-Söder, Grünen-Habeck, EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, Angela Merkel und, aus dem Jenseits, Reich-Ranicki) beschließt den Abend. Zu guter Letzt, als Zugabe, Promi-Imitationen auf Zuruf und ein fulminantes Plädoyer für mehr mephistophelischen Mut.

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