Kultur

Stuttgarter Liederhalle Musikfest mit Haydn-Werken eröffnet

Gelungene Kontrastierung

Archivartikel

Wohl mit Musik des 18. Jahrhunderts, aber nicht von Johann Sebastian Bach, sondern von Joseph Haydn, begann das Musikfest Stuttgart 2018. Aufgeführt wurden im Beethovensaal der Stuttgarter Liederhalle drei Ende des 18. Jahrhunderts entstandene Werke des Österreichers. Und nicht von ungefähr hieß der Untertitel dieses Eröffnungskonzerts „Haydn und die französischer Revolutionskriege der 1790er Jahre“. Doch nicht genug damit, zwei der drei Werke haben nicht nur hinsichtlich ihres Titels, sondern auch indirekt, durch ihre musikalische Ausgestaltung, mit Kriegen im engeren oder weiteren Sinn zu tun.

Frappierende Einbrüche

Das begann mit der 1794 entstandenen Sinfonie Nr. 100 G-Dur, der sogenannten „Londoner“ Sinfonie, die bald den Beinamen „Militär-Sinfonie“ erhielt – und das „wegen der frappierenden Einbrüche eines martialischen Instrumentariums von Triangel, Becken und Großer Trommel“ und zwar im Allegretto-Satz. Über die Gründe, was den Komponisten zu diesem ungewöhnlichen Effekt bewogen hat, wird noch immer gerätselt. Auf jeden Fall verfehlt „die Montage einer so fremdartigen Klangebene in die ,heile Welt’“ bis auf den heutigen Tag nicht ihre Wirkung.

Das zeigte sich nun auch bei der Aufführung der singulären Arbeit durch die Gaechinger Cantorey, unter Dirigent Hans-Christoph Rademann. Aufwühlend, zuweilen aber auch beschwingt, erklang die Komposition, in der Haydn mit dem erneuten Einsatz des Schlagzeugs im Letzten Satz „ein musikalisches Bild seiner martialischen Zeit geschaffen“ hat. Danach hörte man die Scena di Berenice, „Berenice che fai“, von Joseph Haydn von 1795. Als Vorlage diente dem Komponisten der Text der siebten Szene des dritten Akts, den der Librettist Pietro Metastasio für Johann Adolf Hasses Opera seria „Antigona“ von 1743 geschrieben hatte. Haydns Kantate beschreibt den Moment, als Berenice davon überzeugt ist, dass sich ihr Geliebter Demetrius das Leben nehmen möchte. So stellt sich für sie die Frage: „Berenice, che fai“. Geschrieben für die gefeierte italienische Koloratursopranistin Brigida Giorgi Banti für ein Benefizkonzert am King’s Theater, interpretierte jetzt in Stuttgart die israelische Sopranistin Chen Reiss die Partie mit klarer, heller, in der Höhe strahlender Stimme und dramatischem Ausdruck.

Als drittes Werk von Haydn stand die Missa in tempore belli Nr. 9 C-Dur aus dem Jahr 1796 auf dem Programm, also eine „Messe in Kriegezeit“, die sogenannte „Paukenmesse“. Dabei gelang Haydn die „Kontrastierung von weltlicher Kriegsnot und geistlichem Frieden“.

Adäquat zum Klingen gebracht

Dass diese Intention des Komponisten adäquat zum Klingen kam, dafür sorgten die Solisten Chen Reiss (Sopran), Stine Marie Fischer (Alt), Nicholas Mulroy (Tenor) und Peter Harvey (Bariton) sowie die Gaechinger Cantorey – die Ensembles der Bachakademie, ein Barockorchester und ein Chor – , unter der musikalischen Leitung von Hans-Christoph Bademann, dem Leiter der auch das diesjährige Festival „Zwischen Krieg und Frieden“ veranstaltenden In-ternationalen Bachakademie Stuttgart, dessen Ziel „die Entwicklung eines neuen ,Stuttgarter Bachstils’“ ist. Dieter Schnabel