Kultur

Mainfrankentheater Würzburg Start in die Opernsaison mit Einakter aus Georg Friedrich Händels Oper „Rinaldo“

Geballtes Liebesleid im Garten der Lüste

Mit dem barocken Pasticcio „Garten der Lüste“ startet das Musiktheater Würzburg in der Theaterfabrik Blaue Halle in die Spielzeit 2020/21. Der knapp 85-minütige Einakter vereint Nummern aus Händels Oper „Rinaldo“ aus der Uraufführung von 1711 als auch aus der vom Komponisten 1731 gründlich überarbeiteten Fassung, in der Händel dem Zeitgeist entsprechend viele seiner musikalische Einfälle recycelt hat. Herausgekommen ist auch ohne Drehbühne und Videoprojektionen ein spektakuläres Gesamterlebnis im magischen Gartenlabyrinth der Zauberin Armida.

Der Plot ist überschaubar: Die böse Zauberin möchte Rinaldo erobern und lockt ihn in ihren Palast. Von Gewissensbissen geplagt, macht sich Rinaldo davon. Armida will ihn nicht preisgeben, muss dazu aber dessen Freundin, die Prinzessin Almirena, erst einmal aus dem Weg räumen.

In Gefangenschaft singt Almirena, getrennt von ihrer großen Liebe, die Arie „Lascia ch’io pianga“ („Lass mich beweinen“) und lässt die Opernherzen höher schlagen. Wie es nicht anders sein kann, verweigert sich Rinaldo weiteren Avancen der Zauberin ebenso hartnäckig wie Almirena den Nachstellungen des liebeshungrigen Argante widersteht. Zum Schluss muss es ein Magier richten, damit die Liebenden zueinander finden.

Wer den Handlungsablauf der dreiaktigen Oper „Rinaldo“ mit einer Eroberung und Zerstörung Jerusalems im Hinterkopf behalten hat, erinnert sich vielleicht noch daran, dass im ersten Akt die Zauberin Armida Argante dem König von Jerusalem verkündet, dass seine von den Christen belagerte Stadt nur gerettet wird, wenn der Kriegsheld Rinaldo aus dem Verkehr gezogen wird. Davon erfährt der Zuschauer nichts, doch umso mehr von den starken Gefühlen der Zauberin, die Rinaldo aus Liebe ungeschoren lässt.

Doch mit Logik kommt man bei Händels 42 Opern nicht immer weit; stattdessen legen Regisseur Andreas Wiedermann, Operndirektor Berthold Warnecke und Generalmusikdirektor Enrico Calesso den Fokus auf die Irrungen und Wirrungen des zweiten Akts der Oper. Vor dem Zuschauer entfaltet sich ein traumhaften Szenarium hinter und neben 14 verschiebbaren olivgrünen Heckenelementen.

Die Aufführung lebt von der herrlichen Musik Händels, beeindruckt mit außergewöhnlichen Stimmen bis in die Nebenrollen und fasziniert durch eine Lichtgebung von Mariella von Vesquel-Westernach, die dem Überfluss an Emotionen und Liebesleid die passenden Farben zuordnet. Ein Sonderlob verdienen die opulenten und fantasiereichen Kostüme von Aylin Kaip.

Der Titel weckt Assoziationen mit Hieronymus Boschs „Der Garten der Lüste“. Denn in der Inszenierung von Andreas Wiedermann erinnern die harmonischen Szenen mit Singvögeln im Garten an die Mitteltafel des Triptychons. Die große Vogelszene mit drei Flötenstimmen überwältigt geradezu mit ihrer Harmonie.

Fast allzu paradiesische Zustände, die auch die Würzburger Inszenierung suggeriert, etwa wenn die Protagonisten plötzlich Spaß an der ihnen bisher völlig fremden Gartenarbeit bekommen und sie immer geschickter den Spaten und Rechen einzusetzen verstehen. Ein amüsantes und sehr gelungenes Schlussbild beendet den „Garten der Lüste“. Einfühlsam und stets auf Klangschönheit bedacht führt Enrico Calesso – auch am Cembalo – mit seinen zum kleinen Barockorchester mutierten Philharmonikern die Gesangssolisten durch alle Klippen der gelegentlich allzu sehr vor Expressivität strotzenden Partitur.

Strahlender Sopran

Stimmlich mit einem jugendlich-strahlenden lyrischen Sopran, aber auch darstellerisch scheinbar unbeschwert trotz Reifrock-Käfig lässt Silke Evers als Prinzessin Almirena keine Wünsche offen.

Bei ihrem Debüt als Zauberin Armida lotet die gebürtige Südkoreanerin Guibee Yang (als Gast, alternierend mit Akiho Tsujii) die Strahlkraft ihres Soprans raumfüllend mit starker Bühnenpräsenz aus. Gegensätzlich dazu gibt Marzia Marzo in der Hosenrolle einen eher verhalten-souverän agierenden Rinaldo, der die Balance zwischen verzweifelt-innigen Gefühlen und forschem Tatendrang überzeugend auf die Bühne bringt. Der barocke Gesangsstil mit vielen Verzierungen scheint ihr besonders zu liegen.

Ihr goldglänzendes Kostüm und die blonde Barockperücke – von denen es auf der Bühne keine Doubletten gibt – sind schon für sich ein Hingucker.

Das Gesangsensemble komplettieren Roberto Ortiz als Goffredo, Hinrich Horn als Argante und Mathew Habib und Igor Tsarkov als zwei Sirenen, die nicht nur gesanglich überzeugen, sondern unterhaltsam die abstrakt gehaltenen Heckenelemente auf der Bühne zu verschieben wissen.

In der Filmbranche werden Oscars auch für die beste Nebenrolle vergeben. In Würzburg hätte Barbara Schöller einen solchen Preis verdient. Als Magierin singt sie mit ihrem wohligen Mezzosopran nicht nur berückend, sondern greift im schneeweißen Anzug nach ihrem Drehbuch immer dann ein, wenn die gediegen-dramatische Handlung eines ironischen Schlenkers bedarf; souverän löst sie mit schauspielerischer Finesse und corona-konform die Knoten des Verwirrspiels „bombig“ auf.

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