Kultur

Das Interview IDS-Direktor Ludwig M. Eichinger bewertet die Neuauflage des Duden-Wörterbuchs

"Es gilt, neutral zu registrieren"

Der Duden ist in einer erweiterten Neuauflage erschienen. Über seine Bedeutung und Besonderheiten der neuen Ausgabe haben wir mir dem Direktor des Mannheimer Instituts für Deutsche Sprache, Ludwig M. Eichinger, am Telefon gesprochen.

Herr Eichinger, der Rechtschreibduden liegt in der 27. Auflage vor - ist das ein markantes Ereignis auch für Sprachwissenschaftler?

Ludwig M. Eichinger: Natürlich, der Duden ist aufgrund seiner Bekanntheit für die Öffentlichkeit von großer Bedeutung und setzt Dinge um, die die Sprachwissenschaft beschäftigen - so auch die Regelung der Rechtschreibung, über die er informiert. Der Duden erscheint immer noch in hoher Auflage, denn viele wissen es zu schätzen, wenn sie in Sprachfragen auf ein gedrucktes Buch zurückgreifen können.

Erneut wurden rund 5000 neue Wörter aufgenommen, so dass es jetzt insgesamt etwa 145 000 sind. Kann das den aktuellen Sprachgebrauch wirklich repräsentieren?

Eichinger: Echte Repräsentativität ist in dieser Hinsicht nicht zu erreichen, der Sprachgebrauch ist ja sehr unübersichtlich. Mit 5000 Wörtern lässt sich aber eine ganze Menge an neuen Entwicklungen andeuten - zudem wird im Duden ja auch deren Schreibung dokumentiert.

Sind die sprachprägenden Themen zureichend repräsentiert?

Eichinger: Es gibt jetzt auch im Duden das "Darknet" oder die "Dropbox": Die neuen Medien und auch Politisches sind repräsentiert, wie die Einträge "Flüchtlingskrise" oder "Kopftuchstreit" belegen. Im Ganzen gibt es vielleicht eine größere Tendenz, Umgangs- und Alltagssprachliches aufzunehmen, so wie im Falle des "Späti" genannten Späteinkaufs. Das liegt wohl daran, dass in den sozialen Medien im Internet verstärkt über Alltägliches geschrieben wird.

Sehen Sie eine stärkere Tendenz zum Politischen als früher?

Eichinger: Aktuelle politische Dinge haben immer eine Rolle für das Duden-Wörterbuch gespielt - ein Wort wie "Grexit" stellt wohl eher kein Rechtschreibproblem dar, war aber in der Diskussion präsent und wurde deshalb zu Recht aufgenommen.

Hätte der Duden darauf verzichten sollen, tendenziöse Begriffe wie "Lügenpresse" zu berücksichtigen?

Eichinger: Wenn die Wörter gebräuchlich sind und die Diskussion prägen, sollten sie auch ins Wörterbuch. Bei einer neuen Auflage etwa alle fünf Jahre müsste Aktualität gegeben sein. Was die wertenden Aspekte politischer Begriffe angeht - damit muss man in einer Demokratie einfach leben.

Gibt es eine politische Verantwortung von Wörterbuchmachern oder dürfen diese schlicht neutral beobachten und registrieren?

Eichinger: Sie dürfen schlicht neutral beobachten und registrieren, es gibt ja schließlich noch die freilich knappen Erläuterungen, die auf ideologische, tendenziöse Wortgebräuche hinweisen können. Es gilt zu verzeichnen, was es an Wörtern gibt und eine nennenswerte Rolle in der Öffentlichkeit spielt. Es wäre dann aber auch konsequent gewesen, das leider wieder häufiger gebrauchte Wort "Volksverräter" im Wörterbuch aufzuführen sowie zu erläutern und nicht nur in der Liste der "Unwörter des Jahres" zu nennen.

Das Internet und die digitale Welt prägen die Sprache immer mehr - bildet das der Duden noch zureichend ab?

Eichinger: Es geht immer nur um das Gängigste in einem Wörterbuch; das gedruckte Lexikon kann mit der rasanten Entwicklung nur schwer mithalten. Wichtig ist ja aber auch die Rechtschreibung: Die Kombination aus Mobiltelefon und Tablet-Computer, das "Phablet", mag auch dann orthografisch interessant erscheinen, wenn das Wort nicht allzu häufig benutzt wird.

Welche Meinung zum erneut großen Bestand an neuen Anglizismen vertreten Sie? Ist das im Duden einmal mehr zu viel des Guten, wie manche meinen?

Eichinger: Gut oder schlecht ist hier nicht die Frage. Wenn die Wörter gebräuchlich sind, sollte sie das Wörterbuch verzeichnen und somit auch über die Schreibweise zuverlässig informieren.

Gehören regionale und dialektale Wörter wie die Berliner Ausdrücke "icke" und "Späti" wirklich in ein allgemeines Wörterbuch?

Eichinger: Das ist eine echte Streitfrage. Der Duden nimmt eben auch allgemeine Wörterbuchaufgaben wahr, nicht nur orthografisch Wichtiges. Und was gesagt und geschrieben wird, wenn auch nicht allzu oft, sollte ja verstanden werden können.