Kultur

Das Interview Géraldine Schwarz hat für ihr Buch „Die Gedächtnislosen“ in Mannheim recherchiert / Autorin wird in Brüssel geehrt

„Erinnerung macht wachsam“

Archivartikel

Morgen bekommt die deutsch-französische Autorin Géraldine Schwarz in Brüssel den mit 10 000 Euro dotierten Europäischen Buchpreis für „Die Gedächtnislosen – Erinnerungen einer Europäerin“ verliehen. Die 44-Jährige hat ihre Familiengeschichte entlang von drei Generationen mit der großen Historie verknüpft.

Dabei recherchierte sie intensiv, wie ihr Großvater väterlicherseits 1938 in Mannheim ein jüdisches Unternehmen arisierte und nach Kriegsende keine Wiedergutmachung leisten wollte.

Frau Schwarz, Gratulation! Haben Sie zu hoffen gewagt, dass Sie mit dem Europäischen Buchpreis ausgezeichnet würden?

Géraldine Schwarz: Um ehrlich zu sein, ich habe darauf gehofft. Zumal ich, wie schon der Untertitel signalisiert, „Erinnerungen einer Europäerin“ in den Mittelpunkt stelle. Es freut mich, dass mein Buch in sieben Sprachen übersetzt wird.

Alles begann damit, dass Sie in dem Mannheimer Haus Ihrer Großeltern Briefe und Akten zur Arisierung eines kleinen jüdischen Mineralöl-Unternehmens 1938 fanden. Eigentlich sei Ihr Opa, so schreiben Sie, trotz NSDAP-Mitgliedschaft „ein kleiner Fisch“ gewesen.

Schwarz: Eben deshalb interessiert er mich. Weil mein Opa nur ein Mitläufer war – was damals der Mehrheit entsprach. Monströse Nazi-Verbrechen eines Eichmann oder Mengele zu begehen, dies ist für die meisten Menschen unvorstellbar. Bei meinem Großvater drängt sich hingegen die Frage auf: Wäre auch ich so ein opportunistischer Mitläufer gewesen? Noch wichtiger: Wie würde ich heute handeln?

Als sich nach dem Krieg der einzige Überlebende der jüdischen Eigentümerfamilie, Julius Löbmann, aus Chicago meldete und von dem Geschäftsmann Karl Schwarz als Wiedergutmachung 11 000 Mark forderte, stellte sich Ihr Großvater in der Briefkorrespondenz als Opfer eines verlorenen Krieges dar. Ja, er beklagte, für Verbrechen finanziell büßen zu müssen, die er nicht begangen habe.

Schwarz: Sein fehlendes Schuldbewusstsein ist unfassbar – und typisch für die deutsche Nachkriegs-Gesellschaft. Mein Opa bemitleidete sich jahrelang selbst. Er und auch meine Oma haben nie wirklich das Dritte Reich als Unrechtssystem verurteilt, über persönliche Verantwortung nachgedacht. Zu dieser damals gängigen Haltung trugen auch die vielen Amnestie-Gesetze der Adenauer-Ära bei. Und eine Politik, die die Mehrheit der Bevölkerung frei von Schuld erklärte.

Ihr Vater war Deutscher, Ihre Mutter Französin, Sie sind ein Kind der Versöhnung, wie Sie sich gern bezeichnen: Wie sehen Sie den Umgang mit der Vergangenheit?

Schwarz: Erst die Generation der Töchter und Söhne, wie mein Vater, hat begonnen, Schweigen zu durchbrechen, nach individueller Verantwortung zu suchen. Und damit stellte sich auch die Frage: Welche psychologischen wie soziologischen Mechanismen haben nahezu eine Generation dazu gebracht, ein verbrecherisches Regime zu unterstützen? Diese intensive Auseinandersetzung beförderte nicht nur einen kritischen Geist, sie festigte auch die deutsche Demokratie.

Die mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2018 ausgezeichneten Kulturwissenschaftler Aleida und Jan Assmann plädieren dafür beim Gestalten der Zukunft das Gestern im Blick zu behalten. Das gilt auch für Sie. Warum?

Schwarz: Weil kollektiv gespeicherte Erinnerungen politische Wachsamkeit stärken. Das ist besonders wichtig, wenn Krieg und Holocaust bei Jüngeren in weite Ferne rücken. Allerdings sollten positive Erinnerungen ebenfalls gepflegt werden. In meinem Buch geht es auch um den Aufbau demokratischen Denkens. Darauf können Deutsche stolz sein!

Andere Länder, wo es keine oder kaum historische Gedächtnisarbeit gegeben hat – wie Italien, Österreich oder der ehemalige Ostblock – sind besonders anfällig für Rechtspopulismus.