Kultur

Journal Alle großen Open Air Festivals fallen dieses Jahr aus – Was macht das mit den Fans?

Ein Sommer ohne Begegnungen?

Archivartikel

Festival im Sommer 2020, welch ein Erlebnis! Der Laptop auf der Küchenarbeitsplatte, ein Bier in der Hand – Flaschenbier, kein Dosenbier, wohlgemerkt. Nebenbei Wäsche zusammen legen. Die Banalität des Alltags, die noch erledigt werden muss. Der Abend mit Freunden – eigentlich sollte das Streamingkonzert auf diese Weise genossen werden – wurde abgesagt. Aber egal, wie man es dreht und wendet, ob in der Küche werkelnd oder entspannt im Wohnzimmer und selbst mit einer coronakonformen Anzahl an Freunden: Es kann sich einfach keine Parallelwelt auftun. Nicht so, wie dies unter freiem Himmel mit einer schier unendlichen Anzahl Gleichgesinnter möglich wäre.

Festival bedeutet Gemeinschaft

Was macht das mit einem, zu wissen, diesen Sommer komplett auf Festivals verzichten zu müssen? „Großveranstaltungen sind bis mindestens Ende August verboten“ lautete die katastrophale Schlagzeile Anfang Mai. Während die Fans in einer kurzen Schockstarre verharrten, glänzten Veranstalter mit Kreativität. Einige spannen Ideen für ein Festival im Netz, andere bedruckten Unterstützer-Shirts, etwa mit Pestmasken-Symbolen. Manche machten sich auch ein wenig Sorgen, dass sich die Fans allen Empfehlungen widersetzen würden: „Als Vorsichtsmaßnahme werden wir den heiligen Acker absperren“, schrieb etwa das Wacken Open Air auf seiner Facebookseite. Damit nicht zu viele Fans einfach so dort zelten.

„Frischfleisch“ Sozialkontakte

Festivals sind Orte der Begegnung. Menschen treffen sich auf einem Fleck, oft abgeschottet von der Außenwelt. Der Kern einer Festivalerfahrung ist nicht etwa die Musik – die gibt es live meist sogar länger und besser auf Konzerten einzelner Bands zu hören. Es ist die Gemeinschaft. Sie zeichnet sich ab in der Dynamik einer festen Gruppe, etwa der, mit der man jedes Jahr auf’s Neue immer auf demselben Festival seine Zelte aufschlägt. Egal ob die Gruppe aus einem kleinen Dorf stammt oder aus allen Himmelsrichtungen der Republik anreist und sich nur einmal im Jahr sieht: Die Erfahrung des Ausnahmezustands, ja, die jährlich wiederkehrende Routine davon, schweißt sie zusammen. Sogar Zukunftsweisendes kann sich ereignen. Wie viele Liebesbeziehungen etwa wurden schon auf einem Festival begonnen oder beendet?

Und da sind dann noch die flüchtigen Bekanntschaften. Braucht man sie wirklich? Der nervige Sänger mit Krächzstimme von nebenan, den ein gekonnter Zwiebelwurf vom Singen abhält. Die Freunde von Freunden, die einem flüchtig auf dem Weg von der einen zur anderen Bühne vorgestellt werden. „Wie heißt du noch mal?“ – eine beliebte Frage, gerade wenn der Alkohol fließt und das Peinlichkeitsempfinden, dass man sich gefälligst sozialverträglich zu verhalten habe, nachlässt.

Wer nicht aus der Masse an Begegnungen charakterlich oder zumindest optisch heraussticht, den vergisst man dann schnell. Das nächste Festival, die nächste Fuhre des „Frischfleischs“ Sozialkontakte kommt bestimmt. So zeichnet sich in diesem ganz anderen Sommer doch eines ab: Bei aller Extraversion, bei allem Wunsch nach spannenden Unbekannten: Bestehende Freundschaften können endlich in Ruhe vertieft werden. Wie oft war sonst „Oh nein, ich kann nicht zu deiner Grillparty kommen, ich bin an dem Wochenende auf dem Festival XY“ eine logische Ausrede dafür.

Immerhin kein Dosenbier

Auf der Grillparty wird man sich dann immerhin auch (vermutlich) gutes Essen einverleiben können – ob der Absatz von Dosenravioli einbrechen wird? Ein anderer bizarrer Vorteil des Pandemie-Sommers: Vielleicht wird man gar gesünder. Festivals sind nicht gut für das Immunsystem, malträtiert man es doch dort freiwillig.

So arrangiert man sich mit der Situation. Trifft sich an Festival-Wochenenden mit Freunden – keine Sorge, nicht in Wacken – und feiert eben im kleinen Kreis. Erlebt hoffentlich zumindest den Ansatz einer Parallelwelt. Kann kurz den Alltag vergessen. Und: Kann Bier aus der Flasche trinken statt aus der Dose.

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