Kultur

Freilichtspiele Schwäbisch Hall „Der Zinnsoldat und die Papiertänzerin“ aufgeführt

Ein altes Märchen neu erzählt

Archivartikel

„Der standhafte Zinnsoldat“ heißt ein 1838 erstmals publiziertes Kunstmärchen des dänischen Schriftstellers Hans Christian Andersen. Aus diesem Stoff schneiderte der 53-jährige, gebürtige Göttinger Roland Schimmelpfennig ein Theaterstück. Im November des vorigen Jahres inszenierte der zurzeit meistgespielte Gegenwartsdramatiker Deutschlands, dessen Werke in über 40 Ländern gezeigt werden, die Uraufführung von „Der Zinnsoldat und die Papiertänzerin“ selbst im Theater an der Parkaue, dem Jungen Staatstheater Berlin. Jetzt ist dieses Märchenspiel im Rahmen der Freilichtspiele Schwäbisch Hall auf der Parkbühne neben dem Neuen Globe zu sehen.

Während im Märchen von Hans Christian Andersen der Zinnsoldat im Mittelpunkt steht und die Papiertänzerin nur am Anfang und am Ende in Erscheinung tritt, stehen im Theaterstück von Roland Schimmelpfennig die zwei Figuren gleichberechtigt nebeneinander.

Zwei Geschichten

So erzählt er nicht nur eine, sondern gleich zwei Geschichten. Aber nicht nur das unterscheidet die zwei Texte voneinander, sondern auch deren Schluss. Während bei Andersen sowohl der Zinnsoldat als auch die Papiertänzerin verbrennen und im Ofen ein kleines Herz aus Zinn und der verkohlte Stern der Tänzerin gefunden werden, überleben bei Schimmelpfennig die zwei Protagonisten und erzählen ihre Geschichten.

Das beginnt damit, dass sie übereinstimmend berichten: „Wir waren schon so gut wie verbrannt, das ist das Ende“. Doch dann erzählen sie ihre Abenteuer von vorne. Wie sie zusammen, die keiner so richtig wollte, von den übrigen Spielzeugen aussortiert, miteinander auf dem Fensterbrett standen und dort sozusagen in gegenseitiger Liebe auf den ersten Blick füreinander entflammten. Er, der letzte von gleichartigen, aus einem Löffel gegossenen Zinnsoldaten, der nur ein Bein hat, weil das Zinn am Ende zu nicht mehr reichte, und sie, die ihr Bein so hoch hob, dass er glaubte, sie habe auch nur eines.

Dann ging das Fenster auf und ein kräftiger Windstoße wirbelte die papierene Tänzerin in die Luft und fegte den bleiernen Soldaten in die Tiefe. Als macht-, hilfs- und hoffnungslose Spielzeuge konnten sie dagegen nichts tun, und so begannen zwei Reisen ins Ungewisse.

Erzählt wird von Flügen bis in die Wolken, Fahrten durch die Kanalisation, der Begegnung mit einer Wasserratte, die den Pass des Zinnsoldaten kontrollieren will, der er aber entkommt, und davon, dass die Papiertänzerin für kleine Elstern tanzen soll.

Wie bei Andersen wird der Soldat auch bei Schimmelpfennig von einem Fisch verschlungen, der auf dem Markt verkauft wird und schließlich bei einer Köchin landet, die ihn aufschneidet und so den Zinnsoldaten entdeckt.

Jetzt bedarf es eines Wunders, dass die Rettung naht. Und es geschieht auch. Denn zum Schluss treffen der Soldat und die Tänzerin auf dem Fensterbrett wieder zusammen und erzählen dem Publikum ihre Geschichte, die in Zukunft eine sein wird.

Rund eineinviertel Stunden dauert die Aufführung für die ganze Familie in Schwäbisch Hall. Am Anfang stehen der uniformierte Soldat mit geschwärztem Gesicht, einem Stahlhelm sowie einer Krücke auf der Bretterbühne und salutiert, daneben die Tänzerin im Rüschen-Miniröckchen in der ersten Position.

Für die Bühne zeichnet Anne Brüssel verantwortlich, für die Kostüme Martina Klander. Mit viel Fantasie setzt Jennifer Sittler das Geschehen in Szene. Sie lässt blaue Papierdrachen steigen und setzt die Tänzerin, die den Soldaten mit ihrem weißen Schleier umgarnt, auf eine Bockleiter. Aus einem Sektkübel regnet es, aus einer Wolke hagelt es. Zum Schluss fliegt ein Drache mit dem Zinnsoldat und der Papiertänzerin davon.

Michael Del Coco und Birgit Busse verkörpern die zwei Titelfiguren, zeigen wandlungsfähiges, schauspielerisches Können und lösen ihre märchenhaften Aufgaben, zur Freude der großen und kleinen Besucher, in jeder Beziehung bestens.

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