Kultur

Auftakt Tanz!Heilbronn Viel Applaus für Compagnie Linga und das Duo Keda

Diverse Spannungsebenen

Archivartikel

Wie vom Wind getragen, vom Wasser umspült, wiegen sich die sieben Akteure der Schweizer Compagnie Linga im Dämmerlicht zum elektronischen Sound. Dicht beieinander stehen sie zunächst mit dem Rücken zum Publikum. Oberkörper-Wellen münden in sanft wogende Armschwünge, leichtes Kippen des Rumpfes wird durch ein paar Schritte rückwärts abgefangen.

Formationen lösen sich auf

Anfangs im Pulk, später als lose Gruppe, bis sie sich in fließenden Formationen auflösen. Die Strömungsdynamik steigert sich, die Akteure laufen, rennen, trudeln, fallen aus der Balance und raffen sich wieder auf.

„Flow“ heißt das Stück der Schweizer Compagnie Linga, das als deutsche Erstaufführung in Heilbronn zu sehen ist. Konzipiert und choreografiert vom Choreografen-Duo Katarzyna Gdaniec und Marco Cantalupo, beeindrucken die unterschiedlichen Spannungsebenen, die in „Flow“ aufeinander treffen: Die Körper pendeln zwischen kontrollierter Geste und sich der Strömung des Atems überlassen. Auf choreografischer Ebene entspricht dem die Dualität von festgelegter Struktur und fluider Improvisation.

Das Bühnenbild reflektiert die Ähnlichkeit von oben und unten: ein weißer Tanzboden im schwarzen, offenen Bühnenraum über dem, ein weißes Segeltuch identischer Größe, gespannt in einen rechteckigen Rahmen, schwebt. Wenn es sich superlangsam senkt, bis eine Ecke den Boden berührt, definiert es den Raum neu, wird zum Partner des Ensembles. Sattgelbe und rote Lichtstimmungen sind überflüssig, da sie als dekoratives Element das subtile Spiel der Kräfte des „Flow“ unterlaufen.

Schließlich setzt auch die Musik auf Yin und Yang: Im französisch-koreanischen Duo Keda trifft das Analoge auf das Digitale, Frau auf Mann und fernöstliche auf westliche Musikkultur. Mathias Delplanque, links an der Rampe, produziert elektronischen Sound, von atmosphärischer Dichte bis zu lockerem Tribal Techno.

Sein Pendant auf der rechten Seite ist E’Joung-Ju; energisch bearbeitet sie ihr Geomungo. Das Saiten-Instrument aus der Familie der Zither wird in Korea seit 2000 Jahren gespielt, meist von Männern, weil es Schwerstarbeit erfordert.

E’Joung-Ju, die erst Geige und Klavier erlernt hat, ist eine Ausnahme und die einzige Frau in Europa, die dieses alte Instrument beherrscht. Sie traktiert es teils auf traditionelle Weise, teils streicht sie es mit einem Bogen, was bedrohlich klingt, als nähere sich ein Geschwader Helikopter.

Sogwirkung

Polar einander entgegengesetzte Klangwelten und dennoch aufeinander bezogene Kräfte. Diese Energie ist Treibstoff für den Tanz und verstärkt die Sogwirkung der repetitiven Abläufe organischer Bewegungen. Das Publikum ist fasziniert. Nach 60 Minuten kommt die Choreografie zum Stillstand und endet, wie sie begonnen hatte, als kleine Gruppe, umspielt von Wind und Wasser.

Riesenapplaus für die Künstler und viele Anregungen für das Publikumsgespräch nach der Vorstellung. Besonders schön ist die Erkenntnis eines älteren Zuschauers: Goethe habe gesagt „Man muss immer trunken sein“, was wohlgemerkt etwas anderes als betrunken sei. Er habe sich immer gefragt, wie er sich diesen trunkenen Zustand vorstellen könne.

„Erstmals habe ich das heute hautnah erlebt, herausfordernd, begeisternd und besessen! Höchstes Lob!“, sagt er.