Kultur

Journal Die westliche Welt verändert sich, aber im Interesse jedes Einzelnen muss deutlich bleiben, wofür sie im Grunde steht

Die Geografie der Werte

Archivartikel

Der Westen ist auch nicht mehr, was er mal war. Zumal dann, wenn man darunter einen mehr oder weniger festen Zusammenschluss mehrerer Länder versteht, der sich aus Verträgen und gemeinsamen Zwecken ergeben kann, seinen Grund aber auch in gemeinschaftlichen Überzeugungen und Wertvorstellungen hat – den sogenannten westlichen Werten, also vor allem Demokratie und unveräußerliche Menschenrechte.

Die westliche Zivilisation und Welt hat ihren Bedeutungshorizont seit dem Ende des Kalten Krieges und der deutschen Wiedervereinigung, je nach Perspektive, erweitert, verschoben oder auch verengt. Wofür die westliche Welt heute noch genau steht und welche Länder ihr mehr als pro forma zugehören, versteht sich kaum mehr von selbst.

Es zu klären könnte aber nicht nur zum europäischen Selbstverständnis in der Gegenwart beitragen, sondern zum Selbstverständnis jedes Europäers – zumal dann, wenn Länder einer erweiterten EU, die nicht ganz so westlich liegen, entsprechende Wertvorstellungen gleichsam variieren.

Eine groß angelegte historische Untersuchung zum Begriff des Westens könnte hier von Nutzen sein, meint der Geschichtswissenschaftler Jasper Trautsch und leistet in einem aktuellen Aufsatz gute Vorarbeit (unter der Überschrift „Der Westen. Theoretisch-methodologische Überlegungen zu einer Begriffsgeschichte“, veröffentlicht in der Zeitschrift „Archiv für Begriffsgeschichte“, Band 60/61, die im Verlag Felix Meiner erschienen ist).

Um zu sehen, was eine Sache ist, lohnt ein Blick darauf, was sie einmal war. So verfährt auch Trautsch und blickt also zurück. War der „Westen“ vormals auf die westeuropäischen Staaten Frankreich und Großbritannien bezogen und weiterhin auf die von ihnen geprägten Überseeländer, vor allem in Nordamerika, so galt es, nach dem Zweiten Weltkrieg die ehemalige „Mittelmacht“ Deutschland und auch Italien zum westlichen Verbund hinzuzunehmen – zwei Länder bekanntlich, die davor keine westlichen Werte vertreten hatten, sondern Diktaturen waren.

Partnerschaft durch Gegnerschaft

Und weil es galt, als Einheit und Bündnis gegen den Osten des Warschauer Pakts aufzutreten, wurde in der Folge bei den politischen Verhältnissen von Partnern auch mal ein Auge zugedrückt. Partnerschaft ergab sich da eher aus gemeinsamer Gegnerschaft als gemeinsamen Werten. Überhaupt konnte die geografische Lage nie als deckungsgleich mit den Wertvorstellungen gelten: Im westeuropäischen Spanien herrschte bis 1975 der Diktator Franco, das Land trat auch erst nach dessen Tod der Nato und Europäischen Gemeinschaft bei; die zeitweilige Diktatur Portugal war aber schon Gründungsmitglied der westlichen Verteidigungsallianz. 1952 trat ihr Griechenland bei, wo 1967 das Militär putschte. Und Japan hat so manches Westliche verwirklicht, auch wenn es in Fernost liegt.

Und wie ist die Lage heute? Ein einheitliches Bild ergibt sich nicht, auch wenn der aktuelle amerikanische Präsident die beiden östlichen Staaten Russland (als Nachfolger der Sowjetunion) und China als geostrategischen Gegenpol begreift. Dass es in beiden Ländern vielmehr autokratisch zugeht als demokratisch, scheint Donald Trump aber weniger zu interessieren. Sein Hauptaugenmerk gilt eher dem, was den USA wirtschaftlich nützt oder ihren weltpolitischen Interessen eben widerstrebt. Deshalb ist auch die Einheit der westlichen Welt in seiner Präsidentschaft geschwunden.

Dass die älteste Demokratie der Welt die mangelhaften politischen Verhältnisse anderswo nicht so sehr bekümmerten, wenn es um strategische Interessen ging, hat sich in der Vergangenheit freilich häufiger gezeigt, etwa mit Blick auf den Nahen und Mittleren Osten oder Mittel- und Südamerika. Dass das Werben für westliche Werte mit harten kapitalistischen, wirtschaftlichen Absichten einher ging, hat die (gute) Sache auch nicht unbedingt erleichtert. Und dass freiere wirtschaftliche Verhältnisse automatisch entsprechende politische zur Folge hätten, war eine Hoffnung, die getrogen hat, wie das Beispiel China zeigt.

Suche nach Selbstverständnis

Wo steht bei alldem Europa? Es sucht noch nach seiner Rolle in der Welt. Sollte diese nicht nur im Vertreten eigener handfester Interessen, sondern im Eintreten für westliche, europäische Werte bestehen, könnte das dem Fortschritt wohl nützen. Die Welt soll und kann nicht am europäischen Geist gesunden.

Ein aufgeklärter Pluralismus, Individualismus und politische Teilhabe sind aber Werte, für die einzutreten lohnt. Sie tragen bei zu einer freieren, demokratischeren, die Menschenrechte achtenden und schlicht gerechteren Welt. Dass westliche Werte auch in ihren Ursprungsländern immer wieder zu erstreiten und verinnerlichen sind, zeigen die Rassismusdebatte und Auseinandersetzungen mit historischer Schuld. Das stellt die Bedeutung der Werte aber nicht in Frage, sondern unterstreicht nur ihre Bedeutung, im Allgemeinen wie für jeden Einzelnen.

Zum Thema