Kultur

Mainfranken Theater Würzburg Schauspielpremiere von Friedrich Dürrenmatts „Die Physiker“ in der Interimsspielstätte in der Dürrbachau

Die ganze Welt steht auf dem Spiel

Gespannt war man nicht nur auf die erste Schauspielpremiere mit Dürrenmatts „Die Physiker“, sondern auch auf die Interimsspielstätte des Mainfranken Theaters in der Würzburger Dürrbachau. Für Theaterfreunde aus dem Main-Tauber- und Neckar-Odenwald-Kreis hat sie den nicht zu unterschätzenden Vorteil, ohne Innenstadt-Verkehr die „Theaterfabrik“ auf dem Gelände der Firma va-Q-tec über die Hettinger Steige anfahren zu können.

Die 1962 in Zürich uraufgeführte Groteske über die Verantwortung der Forschung inszeniert Tim Eggloff ganz ohne komödienhafte Übertreibungen, die der auf 75 Minuten verkürzten Fassung viel von ihrer Wirkung genommen hätten. Sina Barbara Gentsch zeichnet für die stimmigen Kostüme und die klinisch-keimfrei wirkende Bühnenfront mit vielen Türen verantwortlich, die jedoch den Insassen den Weg in die Freiheit versperren.

Drei seltsame Patienten

Untergebracht in diesem exklusiven Sanatorium, das mit einem Irrenhaus alter Prägung, im Volksmund gerne auch „Klapsmühle“ tituliert, nichts mehr zu tun hat, sind drei seltsame Patienten. Über ihre wahre Identität und ihre Absichten wird der Zuschauer erst nach und nach aufgeklärt.

Was es mit dem Mord an drei Pflegerinnen auf sich hat, kann selbst ein Kriminalkommissar nicht aufklären, den Cedric von Borries als zunehmend frustrierter und resignierender Ermittler überzeugend auf die Bühne bringt. Florian Innerebner verkörpert einen erstaunlich jugendlich wirkenden Physiker Johann Wilhelm Möbius, der wie seine Berufskollegen Herbert Georg Beutler, gespielt von Thomas Klenk, und Ernst Heinrich Ernesti, den Georg Zeies mimt, ständig über seinen wahren Geisteszustand hinwegtäuschen muss.

Schließlich muss er die Welt vor seinen eigenen, die Welt bedrohenden Forschungsergebnissen mit der alles erklärenden Weltformel, bewahren. Schauspielerisch brillant gelingt Florian Innerebner der Tobsuchtsanfall von Möbius beim Besuch seiner braven Ex-Frau Lina Rose (Christina Theresa Motsch), die es als Gattin eines Missionars auf die Marianeninseln verschlägt. Innerebner changiert geschickt zwischen bemitleidenswerter Hilflosigkeit und wohlkalkulierter nur scheinbarer Naivität.

Anormales wird normal

Doppelbödigkeit und Täuschung zeichnen nicht nur die Sprache der Physiker, sondern auch die von Doktor Mathilde von Zahnd und Schwester Monika aus. In Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ ist es eine Frau, die eine Umkehrung von Moral und Unmoral propagiert, während in diesem Stück die Leiterin des Sanatoriums Anormalität zur Normalität erklärt. Eine Paraderolle für Johanna Meinhard, die sich als skrupellose, wahnsinnige Ärztin mit heimlich gefertigten Kopien die Weltformel des genialen Möbius aneignet und dazu über Leichen geht. Jojo Rösler entpuppt sich – entgegen dem ersten Anschein – nicht als fürsorgliche Schwester Monika, sondern als Verliebte, die ihrem Angebeteten eine Flucht aus dem Sanatorium und ein Leben in trauter Zweisamkeit auf dem Lande ans Herz legt. Nichtsahnend besiegelt sie damit ihr Schicksal, das sich seltsam bizarr mit einer Tötung vollzieht, ohne dass Möbius Hand anlegen muss. Er schaut nur stur an der nach einem rettenden Spray ins Leere greifenden Sterbenden vorbei.

„Newton“ und „Einstein“

Thomas Klenk und Georg Zeies verkörpern zwei im Untergrund als vermeintliche Irre agierende Geheimagenten, die sich als „Newton“ und „Einstein“ ausgeben, um an das Wissen von Möbius zu gelangen, der längst seine Unterlagen verbrannt hat, damit sie nicht missbraucht werden und zum Untergang der Welt führen. Auch dieses Duo hat seine Krankenschwestern ermordet, kann aber – wie Möbius – aufgrund der vermeintlichen Unzurechnungsfähigkeit vom ratlosen Kommissar nicht verhaftet werden.

Kein Abdriften in Klamauk

Doch längst ist das Trio von Mathilde von Zahnd ins Abseits manövriert worden. Wie aktuell Dürrenmatts Gesellschaftskritik wieder ist, zeigen heute regionale Konflikte, die weltweite Klimadiskussion, das Wiederaufleben des „Kalten Krieges“mit den Gefahren eines Atomkrieges durch skrupellose Diktatoren, das Gefühl des zunehmenden Kontrollverlustes im digitalen Zeitalter und beunruhigende Erkenntnisse von Wissenschaftlern, die sich weniger denn je verheimlichen lassen: „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden“, gibt Protagonist Möbius resignierend zu bedenken. Und dieses Wissen kann immer in falsche Hände geraten.

Den Lohn für den hartnäckigen Widerstand der Regie gegen die Versuchung, mit dem haarsträubenden Plot in Klamauk und Lächerlichkeit abzudriften und stattdessen auf Tragik zu setzen, heimst zum Finale die umso beängstigender und diabolischer auftretende Frau Doktorin von Zahnd ein. Perfide deckt die in den Wahnsinn abgedriftete Ärztin alles auf. Die Katastrophe ist nicht mehr aufzuhalten, denn auf Geheiß ihres Königs Salomo hat sie einem weltweit agierenden Trust die Weltformel überlassen.

Die Komödie steht bis Ende Oktober auf dem Spielplan mit zumeist jeweils zwei Vorstellungen pro Tag. Mit dem Bus ist die Theaterfabrik vom Bussteig A des Würzburger Busbahnhofs 60 und 30 Minuten vor Veranstaltungsbeginn mit einem kostenlosen Shuttle-Service (inklusive Rückfahrt) zu erreichen.

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