Kultur

Kunsthalle Mannheim Kostenlose Veranstaltung heute knüpft an „Freien Bund zur Einbürgerung der Kunst“ von 1911 an / Enkelin von Gründungsdirektor Wichert erinnert sich

„Die Augen schulen und die Sinne schärfen“

Was will der Künstler mir damit sagen? Was hat er gemeint? Warum hat er so gemalt, so gestaltet, geformt? Jeder soll sich trauen dürfen, solche Fragen zu stellen. Eigentlich selbstverständlich – aber die Kunsthalle Mannheim will es am heutigen Samstag noch einmal besonders unterstreichen, bei der „Akademie für Jedermann“ bei freiem Eintritt von 11 bis 17 Uhr im Atrium.

Das große Vorbild dabei heißt Fritz Wichert (1878-1951), vom Gründungsjahr 1909 bis zu seinem Weggang an die Städelschule Frankfurt 1923 Direktor der Kunsthalle. Er hat nicht allein wichtige Werke wie Manets „Erschießung Kaiser Maximilians“ erworben, sondern auch 1911 – unterstützt von Sozialdemokraten und Gewerkschaften – den „Freien Bund zur Einbürgerung der bildenden Kunst in Mannheim“ gegründet, eine „Akademie für Jedermann“ mit Führungen und Vorträgen ins Leben gerufen. An die 12 000 Mitglieder hat der Bund in den 1920er Jahren – damals etwa zehn Prozent der Einwohner Mannheims!

Yoga am Morgen

„Mir wurde das in die Wiege gelegt, es hat mein Leben geprägt“, sagt Susanne Wichert, die Enkelin. Sie will nun daran anknüpfen. Seit 2010 als Direktorin Stiftungsmuseen der Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim tätig und zuvor stellvertretende Intendantin der Bonner Bundeskunsthalle, möchte die Kunsthistorikerin und Psychologin der Kunsthalle helfen, wieder „Kunst für alle“ zu bieten. Denn das, was ihr Großvater erreicht und geleistet habe, sei heute „aktueller und wichtiger denn je“. „Er wollte Leute ohne große Schulausbildung, ohne akademische Schulung in die Lage versetzen, Dinge zu verstehen“, so Wichert.

Dazu sei er „geradezu beseelt von dem Glauben gewesen, die Welt besser zu machen, wenn er den Menschen Qualität beibringt“. Doch dazu müsse man eben „die Augen schulen, die Sinne schärfen, Sensibilität wecken“. Dazu seien die damaligen Veranstaltungen ebenso gut gewesen wie dazu, „den Leute Mut zu machen, auch unmögliche Fragen zu stellen“. Amüsiert erinnert Wichert daran, wie ihr Großvater ein Konzert mit dem berühmten Komponisten Paul Hindemith im Rosengarten ausrichtete und dieser das Publikum ermunterte, mit dem Stock auf den Boden zu stoßen, wenn sie etwas nicht verstehen. „Es hat an Unterbrechungen nicht gefehlt, aber es war ein hinreißender Abend“, weiß Susanne Wichert aus einem Eintrag im Tagebuch des Opas.

Um 13 Uhr hält sie daher heute einen Kurzvortrag, um an die alten, populären Aktionen des Großvaters zu erinnern – und zugleich der Kunsthalle zu helfen, sie wiederzubeleben. „Dieses Haus ist so wunderbar, um einen Treffpunkt zu schaffen und Menschen Kunst näherzubringen“, findet sie. Dass die Kunsthalle die heutige Veranstaltung garniert mit Yoga am Morgen, „Offenem Chorsingen“ mit der Liedertafel sowie Turnen mit der Abteilung „Jedermann“ des TSV 1846, hat sie zwar „überrascht und anfangs auch nicht verstanden“, wie sie zugibt. „Aber das wunderschöne Atrium ist gut geeignet, es mit Chorgesang zu füllen – und wenn es hilft, Hemmschwellen zu überwinden: warum nicht?“, so Wichert.