Kultur

Erfolgsgeschichte endet Verein Clingenburg Festspiele musste Insolvenz anmelden / Zuschauerzahlen sorgen für Lücke bei den Finanzen / Klingenbergs Bürgermeister Reichwein sucht nach Geldquellen

Der letzte Vorhang ist wohl gefallen

Es ist der traurige Epilog einer 26-jährigen Erfolgsgeschichte, geschrieben von Ehrenamtlichen, die stets mit großem Engagement und viel Herzblut für die Kultur im Einsatz waren: Der Verein Clingenburg Festspiele war gezwungen, Insolvenz anzumelden. Somit fiel nach der letzten Vorstellung der Saison 2019 der Vorhang wohl endgültig, „wenn nicht noch ein Wunder passiert“, wie es Presssprecherin Renate Binsack im Gespräch mit den Fränkischen Nachrichten formuliert. Klingenbergs Bürgermeister Ralf Reichwein hingegen meinte gegenüber unserer Zeitung, dass „noch nicht aller Tage Abend“ sei.

Nachdem die künstlerische Bilanz äußerst positiv und euphorisch ausgefallen war, folgte beim Blick auf die nackten Zahlen nicht nur Ernüchterung, sondern gar ein böses Erwachen mit Katerstimmung. Die Festspiele haben am 31. August Insolvenz angemeldet, da der Verein ohne die Einnahmen aus dem Verkauf von Eintrittskarten für eine neue Spielzeit nicht alle Rechnungen aus dem Spielbetrieb 2019 begleichen kann.

„Rocky“ erfüllte Erwartungen nicht

Das zwischenzeitlich auf jährlich fast 1,5 Millionen Euro angewachsene Budget, ist aus eigenen Kräften nicht mehr finanzierbar. „Zwar konnte in dieser Spielsaison durch den neuen Intendanten und die verpflichteten Regisseure die Qualität dieses professionellen Theaters weiter gesteigert werden. Allerdings sind die Zuschauerzahlen nicht so gestiegen, dass die Kosten dafür aufgefangen werden konnten“, stellte Renate Binsack fest. „Bei der ,Rocky Horror Show’ fehlten uns gegenüber der ,West Side Story’ im Vorjahr rund 1000 Zuschauer. Rechnet man 45 Euro pro Ticket, sind das schon einmal 45 000 Euro, die fehlen.“ Auch „Shakespeare in Love“ sei nicht so gut gelaufen, wie es sich Verein und Intendant vorgestellt hatten.

„Vor allem die ersten Vorstellungen des Musicals, das der Zuschauermagnet ist und das Geld in die Kassen spülen muss, liefen nicht gut“, erläutert Binsack weiter. „Zum Ende hin war die Nachfrage so groß, dass wir sogar eine Zusatzvorstellung geben mussten.“ Aber das habe auch nur bedingt geholfen.

Die Mitglieder des Vereins Clingenburg Festspiele mussten frustriert feststellen, dass es im Herbst eine Deckungslücke bei den laufenden Kosten und damit verbunden Liquiditätsprobleme geben werde. „Wir haben monatliche Kosten von rund 10 000 Euro und gleichzeitig in den Monaten September, Oktober und November keinerlei Einnahmen durch Kartenverkäufe, so dass wir die Ausgaben in dieser Zeit durch Überschüsse aus den Vorjahren decken müssen.“ Doch dafür ist aufgrund des schon längere Zeit anhaltenden Zuschauerschwunds kein Geld mehr da. „Wir mussten über Jahre an unsere finanzielle Substanz gehen. Und jetzt sind wir an dem Punkt, an dem die Reserven aufgebraucht sind“, so die Pressesprecherin.

Kein Geld für Investitionen

Doch damit nicht genug. „Dringend notwendige Investitionen können nicht umgesetzt werden, da die finanziellen Mittel fehlen. Licht- und Tontechnik müssen erneuert werden. Sie entsprechen nicht mehr den neuesten technischen Anforderungen. Auch im Bereich Zelte, Getränkestände, Ausstattung der Schneiderei und so weiter müsste investiert werden, damit für die nächsten Jahre ein reibungsloser Ablauf gewährleistet werden kann“, ergänzt Binsack.

Vor drei Wochen hätten sich die Vorstandsmitglieder, so Binsack, zusammengesetzt. Ein Notar in den Reihen habe unmissverständlich klar gemacht, dass der Verein innerhalb von drei Wochen einen Insolvenzantrag stellen müsse. Ansonsten könne er der Verschleppung bezichtigt werden. Der Vorstand richtete umgehend einen Hilferuf an Behörden und Sponsoren und stellte die prekäre Lage dar. „Eine Antwort bekamen wir nicht. Die finanziellen Zuschüsse durch die Stadt Klingenberg, den Bezirk Unterfranken und das Kultusministerium Bayern müssten aber dauerhaft signifikant und verlässlich erhöht werden, um den Fortbestand der Festspiele zu sichern.“ Die Clingenburg Festspiele bestreiten bislang 85 Prozent ihres Etats aus eigenen Mitteln: Mitgliedsbeiträge, Eintrittsgelder, Sponsoren-Einnahmen, Spenden, Verträge mit Medienpartnern. 15 Prozent kommen aus öffentlicher Hand. Damit sind die Festspiele in Klingenberg am Main eines von wenigen nicht staatlichen Theatern bundesweit, die mit dieser Konstellation arbeiten müssen.

Keine andere Wahl

Der Vorstand versuchte seit Wochen durch Gespräche mit den staatlichen Behörden, die Insolvenz doch noch abzuwenden. Positive Signale gab es nicht. So sei dem Verein nichts anderes übrig geblieben, als den Insolvenzantrag fristgerecht zu stellen.

Bürgermeister zuversichtlich

„Ich glaube noch nicht, dass wir im Jahr 2020 auf der Burg keine Festspiele mehr haben werden“, äußert sich Klingenbergs Bürgermeister Ralf Reichwein noch zuversichtlich. „Ich will versuchen, über die politische Schiene an Geld zu kommen“, sagt der Rathaus-Chef. So habe er den Bundestagsabgeordneten Alexander Herrmann angesprochen. „Es wurden einige Freilichtfestspiele vom Bund gefördert. Ich habe deshalb mal angefragt, aus welchen Topf die Förderung des Bundes kommt und ob die Clingenburg Festspiele nicht auch berücksichtigt werden könnten.“ Auch die Staatskanzlei in München habe er kontaktiert. Zudem werde er nachhören, ob es eventuell eine europäische Förderung gibt.

Dass die Stadt als eine Art Rettungsschirm fungieren könnte, sieht Ralf Reichwein nicht. „Wir sprechen hier ja nicht über 70 000 bis 80 000 Euro, sondern über 300 000 bis 500 000 Euro in den nächsten Jahren. Und das übersteigt unsere Möglichkeiten.“ Bislang fördere Klingenberg das kulturelle Highlight der Region mit rund 40 000 bis 50 00 Euro, Sachleistungen inbegriffen.

Nachdenklich stimmt den Klingenberger Bürgermeister auch die Entwicklung der Zuschauerzahlen. „Früher kamen rund 400 000 Zuschauer, mittlerweile sind es noch 280 000. Das bedeutet rund 400 000 Euro weniger an Einnahmen.“ Gleichzeitig erhöhten sich die Ausgaben, beispielsweise von 1,1 Millionen Euro im Jahr 2018 auf 1,5 Millionen Euro in 2019.

„Allerdings sind wir in den Ablauf der Festspiele nicht involviert. Wir sind lediglich als Geldgeber gefragt“, sagt Ralf Reichwein, betont aber gleichzeitig die Wichtigkeit der Veranstaltung für seine Kommune. „Die Attraktivität der Clingenburg Festspiele hat eine ungeheurer Strahlkraft für die Stadt Klingenberg und die Region Curfranken und es wäre ein schwerer Schlag, wenn es sie nicht mehr gäbe.“

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