Kultur

Krimi-Lesung „Dr. Jekyll & Mr. Hyde“ mit Stephan Szász und Jo Ambros / Verwandlungsfähigkeit unter Beweis gestellt

Britische Leichen im Keller der Götzenburg

Archivartikel

„Kapitel 1 – Die Geschichte vor der Tür“ – just als Stephan Szász zu lesen beginnt, fällt im Rücken des Publikums die uralte, schwere Holztür ins Schloss. Verhaltene Schritt-Geräusche auf der (lebensgefährlich) steilen Treppe, kurze Pause, dann knarzen die Holzdielen – es sind ein paar verspätete Zuschauer, die versuchen, möglichst unbemerkt auf ihre Plätze zu schleichen, während sich Szász, begleitet von Jo Ambros an der Gitarre, in den Text „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ (1886) vertieft. So zufällig das Timing ist, dramaturgisch ist schon dieser Auftakt ein Glanzpunkt.

Kalt, kristallklar und betörend wie der Gesang der Sirenen, zart und schwebend wie Nebelschleier oder wuchtig schwingend wie die Glocken von Big Ben – mit musikalischen Motiven in vielfältigen Variationen skizziert der Gitarrist Jo Ambros auf seiner Gibson ES-335 das nächtliche London. Was eben als bloßes Gefühl, vage Vorahnungen oder typisch englische Traumlandschafte aufschien, verdichtet sich Sekunden später im Text.

Der Autor Robert Louis Stevenson soll zur Umsetzung der Story – die zum Teil wohl auf Tatsachen beruht – durch opiumhaltige Medikamente und einen Alptraum inspiriert worden sein: Henry Jekyll hat zu einem festlichen Abend in sein Londoner Herrenhaus eingeladen. Im Kreis guter Freunde will er seine Verlobung mit Lisa St. James bekannt geben. Doch schnell legt sich ein dunkler Schatten über die fröhliche Gesellschaft: Dr. Jekyll leidet an unerklärlichen Anfällen und scheint zunehmend die Kontrolle über sich zu verlieren.

Einige Gäste entpuppen sich als zwielichtige Gestalten. Die Prostituierte Lucy Sharpness platzt in die Feier und behauptet, in Wahrheit sei sie die Verlobte des Gastgebers. Und wer ist der unheimliche Mr. Hyde, der sich im Herrenhaus bestens auszukennen scheint? Dann geschehen furchtbare Morde, und ein dunkles Geheimnis wird gelüftet. Das Fest der Freude wird zu einem Fest des Schreckens.

Im unterirdischen Gewölbe voller Geschichtstracht sind nicht nur Krimifreunde und britische Leichen gut aufgehoben. Auch Typen, von denen der Autor Stevenson sagt „Der Arzt war ein Wald- und Wiesenquack–salber, mit Edinburgh-Akzent und der Sensibilität eines Dudelsacks“, dürfen sich hier wie zuhause fühlen. Nebenbei bemerkt, Stevenson war Schotte, ein feiner Hinweis auf britisch schwarzgetönte Selbstironie.

Die geschliffene Sprache ist eine Steilvorlage für Szász, der als neuer Götz-Darsteller seinen Einstand in Jagsthausen gibt und mit dieser Krimi-Lesung seine Verwandlungsfähigkeit unter Beweis stellt. Was im Verborgenen der Hauptperson schlummert, bricht sich Bahn. Den Charakter bis hin zum schizoiden Choleriker agiert Szász sprachlich aus, während Ambros die innere Zerrissenheit klanglich mit Verzerrer, Echos und Loopmaschine vorantreibt, à la „a saucer full of secrets“ von Pink Floyd, bis an die Schmerzgrenze psychedelischer Klangexperimente.

Szász ist dem Krimipublikum aus „Tatort-“, „Soko“- und „Notruf“-Folgen“ bestens bekannt. Die Karriere des 1966 in Hessen geborenen Schauspielers begann 1997, als bester Nachwuchsschauspieler wurde für seine Rolle in „King John“ (Schauspiel Köln) ausgezeichnet. An namhaften Bühnen (Nationaltheater Mannheim, Nationaltheater Weimar, bei den Festspielen Schwäbisch Hall, Theater am Kurfürstendamm, an der Schaubühne Berlin und am Schauspielhaus Zürich) war er engagiert, heute lebt er in Berlin.

Szász und Ambros verdanken ihre Zusammenarbeit der Intendantin Eva Hosemann. Als Organisatorin der „Stuttgarter Kriminächte“ regte sie das Duo zu dieser Produktion an. Schon bei der Premiere im März 2019 ein Riesenerfolg mit steigender Nachfrage, hat das Duo die CD „Dr. Jekyll & Mr. Hyde“ produziert. Der Abend hält, was er verspricht: 90 Minuten Nervenkitzel und knisternde Spannung. Kultverdächtig!

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