Kultur

Opernhaus Stuttgart Erstaufführung von Jiri Kyliáns Ballett „One of a kind“ mit viel Beifall bedacht / In einem Spannungsfeld miteinander im Gespräch

Als Individuum in einer Gruppe

Archivartikel

Kreiert 1998 als Auftragswerk des niederländischen Innenministeriums für das Nederlands Dans Theater und von diesem im selben Jahr uraufgeführt, brachte jetzt Jiri Kylián, der damalige Direktor dieser international renommierten Compagnie, seine Arbeit mit dem Stuttgarter Ballett, bei dem er vor 50 Jahren seine Karriere als Tänzer und danach bei der Noverre Gesellschaft auch als Choreograf begonnen hat, im Opernhaus Stuttgart zur Erstaufführung.

Permanenter Dialog

Grund des damaligen Auftrags war die Feier zum 150-jährigen Bestehen der niederländischen Verfassung. Jiri Kylián nahm den ersten Paragrafen dieses Grundgesetzes, wonach alle in gleichen Fällen gleich behandelt und niemand aus irgendwelchen Gründen auch immer diskriminiert werden darf, zum Anlass, sein dreiteiliges Ballett „One of a kind“ zu schaffen. Dabei beschäftigt ihn besonders die Frage: „Wie kann ein Individuum innerhalb einer Gruppe von Individuen bestehen“?

Und so zeigt er im Grund innerhalb von zwei Stunden, einschließlich zweier Pausen, einen permanenten Dialog zwischen seiner namenlosen Protagonistin als Individuum und den anderen 20 Mitwirkenden als einer Gruppe von ebenfalls namenlosen Individuen, die sozusagen in einem Spannungsfeld miteinander im Gespräch sind.

Die Besonderheit ist dabei, dass die Protagonistin ständig auf der Bühne präsent ist – auch in den Pausen und auch da nicht allein. Das heißt, dass das Gesehenen immer weitergeht. Während sich in den Pausen viele Besucher im Foyer treffen, gibt es in dieser Zeit auf der Bühne auch etwas zu sehen, und das veranlasst doch einige, den Zuschauerraum nicht zu verlassen.

Aber der Reihe nach.

Zu Beginn der Vorstellung kommt die Protagonistin (Miriam Kacerova), betritt vom Zuschauerraum über einen Steg die Bühne, die der japanische Architekt Atsushi Kitagawara gestaltet hat, wobei das von Kees Tjebbes neu entworfene Lichtdesign eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Auf dem Boden liegen abstrakte Gebilde, darüber sieht man säulenartige Lichtprojektionen, nicht zu vergessen, seitwärts eine große Scheinwerferbatterie, die zuweilen eingesetzt wird. Das Ganze gleicht einem Licht-Labyrinth.

In diesem Umfeld tastet sich die Protagonistin langsam voran, tanzt ein expressives Solo und weitere, ausgeführt von Vittoria Girelli, Elisa Badenes, Angelina Zuccarini und Rocco Aleman, folgen. Danach gibt es einen Pas de quatre zu sehen, bei dem Maria Andrés Betoret, Alessandro Giaquinto und Timoor Afshar hinzukommen.

Auf Distanz

Drei Duetts, bei denen man zum ersten Mal Marti Fernández Paixà, Daniele Silingardi und Jason Reilly zu sehen bekommt, bilden das Ende des ersten Akts. In ihm wird mit- und gegeneinander agiert. Man kommt sich näher, stößt sich aber auch ab, geht auf Distanz und bekämpft sich.

Dann wird umgebaut. Der Bühnenboden wird gefegt. Bühnenarbeiter beherrschen die Szene – aber nicht allein. Denn zwischen ihnen bewegt sich die Protagonistin, teils tänzerisch, teils vorsichtig Schritte setzend. Dann kommen weitere Tänzer hinzu und üben. Dazu hört man manchmal Musik, bevor der zweite Akt mit an Sirenengeräusche erinnernden Tönen beginnt.

Ihn bestimmen sogenannte Soli und Duette, zwei Pas de trois und ein Pas de quatre. Neu hinzukommen Fabio Adorisio, Corali Grand, Agnes Su, Adhoney Soares da Silva und Alicia Garcia Torronteras. Skulpturen werden mittels tänzerischer Bewegungen gestaltet. Die Protagonistin kriecht schon einmal rücklings auf dem Boden. Und über allem schwebt ein dunkler Trichter mit der Spitze nach unten.

In der Pause wird wieder umgebaut. Eine schwarze Treppe steht jetzt auf der Bühne, an die sich die Protagonistin herantas-tet und dann kommen auch wieder die anderen Tänzer ins Bild.

Mit Glockenklängen beginnt der dritte Akt. Die Musik, eine Mischung aus Alt und Neu, aus der Barockzeit und von heute, Chöre von Carlo Gesualdo da Venosa, Kompositionen von Benjam Britten und John Cage, Folklore und Inuit-Kehlkopfgesang, das Ganze eine Auftragskomposition von Brett Dean, kommt vom Band.

Lediglich Francis Gouton, der erste Solocellist des Staatsorchesters Stuttgart spielt hinreißend live. Im dritten Akt sieht man Goldlamé-Vorhänge, und wieder beherrscht Miriam Kacerova die Szene und zeigt, was man mit den Gliedmaßen, mit dem ganzen Körper als Bewegungs-apparat tänzerisch alles ausdrücken kann und was Jiri Kyliáns „One of a kind“ sagen will. Nicht enden wollender Beifall für den 71-jährigen Stuttgart-Heimkehrer!