Kultur

Literatur regional Steffen Herbolds „Die stramme Helene“

Als das Lokalkolorit grau war

Archivartikel

Mit Wilhelm Buschs tragikomischem Blick auf die „Fromme Helene“ hat Steffen Herbolds neues Buch wenig zu tun. In „Die stramme Helene“ erzählt der Mannheimer Autor die Geschichte einer taffen Arbeiterfrau, die Mitte der 60er Jahre handfest ihrer jahrelangen Ehehölle entkommt. Dieser sehr persönliche Blick auf die durchaus noch dumpfe Zeitgeschichte des gern als Aufbruchsära verklärten Jahrzehnts ist laut Herbold von der eigenen Familiengeschichte inspiriert. Und wurde wunderbar detailverliebt illustriert von Martin Burkhardt, der mit der Siebdruckwerkstatt Antighost vom Stadtteil Jungbusch für Aufsehen sorgt; zum Beispiel beim Maifeld-Derby.

Wunderschön aufgemacht

Das Duo zeichnet im Stil eines ambitionierten Graphic-Novel-Comics, bei dem der Text allerdings als Erzählung funktioniert, auf 44 Seiten buchstäblich das Lokalkolorit eines Mannheimer Milieus nach. Zu einer Zeit, als die Quadratestadt vielerorts von tristem Grau geprägt war. Burkhardts hochpräziser Blick auch für kleinste zeittypische Details an Kleidern oder Mobiliar korrespondiert kongenial mit Herbolds prägnantem Erzählstil. Wie es für den mehrfach ausgezeichneten Mannheimer Kunstanstifter Verlag typisch ist, entstand so ein sehr schön aufgemachtes Buch. Das sendet trotz der tristen Ausgangssituation letztendlich eine hoffnungsvolle Botschaft in Zeiten, in denen das Rad des gesellschaftlichen Fortschritts sich an vielen Fronten zurückzudrehen scheint.

Herbolds Anliegen hinter dem Projekt ist durchaus politisch. Im Gespräch mit dieser Zeitung sieht er Helenes Befreiuungsschlag als eine Art Mahnmal für Verhältnisse, die man sich nicht zurückwünscht. Und „Die stramme Helene“ könnte auch nur der Anfang einer Reihe artverwandter Geschichten sein, für die Herbold im Familienkreis seit Jahren intensive Gespräche geführt hat. Mit dem ersten Buch habe er „ausprobiert, ob es funktioniert, ob ich dafür einen Ton finde.“ Das ist dem Dramatiker („Die Legende von Bomber & Rose“) und Songtexter der Popforscher auf Anhieb gelungen.