Kultur

Kunst 300 Ansichten der Südamerika-Expedition von Wilhelm Reiß 1868-1876 sind im Mannheimer Museum Zeughaus zu sehen

Acht Jahre in einem fernen Land

Archivartikel

Eigentlich sollte es nur ein kurzer Ausflug werden. Im Januar vor 150 Jahren landeten der Mannheimer Vulkanologe Wilhelm Reiß (1838-1908) und sein Kollege Alphons Stübel (1835-1904) im Hafen von Santa Marta in Nordkolumbien. Sie hatten eine Expedition zu den Sandwich-Inseln im Hawaii-Archipel geplant und dachten, ein kleiner Zwischenstopp ins kolumbianische Hinterland könnte neue Erfahrungen bringen. Die bekamen sie dann auch, aber aus der Stippvisite wurden acht Jahre, und angesichts ihrer Touren durch Kolumbien, Ecuador, Peru und Brasilien gerieten ihnen die Sandwich-Inseln in Vergessenheit.

Als Wilhelm Reiß 1876, zwar genervt und etwas ramponiert, aber mit reicher wissenschaftlicher Ausbeute die Rückkehr nach Mannheim antrat, hatte er nicht nur Gesteinsproben, zoologische, ethnografische und archäologische Proben im Gepäck, sondern auch rund 800 Fotografien, die er auf dem fernen Kontinent gesammelt hatte. Reiß war zwar ein geschickter Zeichner, aber das damals höchst umständliche Fotografieren hatte er einheimischen Meistern überlassen.

Rund 500 Aufnahmen auf Albuminpapier blieben erhalten, sie bilden den Grundstock der Sammlung des Forums Internationale Photographie (FIP) der Reiss-Engelhorn-Museen, und FIP-Leiter Claude W. Sui zeigt zum 150-jährigen Jubiläum der Reise rund 300 Beispiele davon.

Brutale spanische Eroberer

Es ist eine ungeheuer reichhaltige Schau, die ergänzt wurde durch weitere Realien der Expedition, etwa Messgeräte, archäologische Fundstücke und einige Gemälde des ecuadorianischen Malers Rafael Troya (1845-1920).

Der kenntnisreiche Katalogbeitrag Suis über die Kolonisierung Südamerikas führt in die Hintergründe des Problems, das Lateinamerika bis heute hat und das auch den erschreckenden Abschluss der Ausstellung bildet: Die sadistische Brutalität der spanischen Eroberer setzte sich bei ihren Nachfolgern in einer Mentalität des Ausbeutens der Bevölkerung, der Unterdrückung und der Korruption fort. 500 Jahre Zerstörung indigener Kultur und hemmungsloser Ausbeutung natürlicher Ressourcen – sie prägen den Kontinent noch immer.

Was Wilhelm Reiß in seinen Reisenotizen festhielt, könnte auch heute formuliert sein: „Willkürliche Handlungen, Morde, beschönigt durch scheinbare Gerichtsverhandlungen, sind an der Tagesordnung.“

Braucht man für den Besuch der Ausstellung mit ihren oft winzig kleinen Exponaten viel Zeit, so sollte man sie sich noch einmal für die Lektüre des Kataloges nehmen. Die Aufnahmen entstanden mit damals üblichen Plattenkameras und sind meist von atemberaubender Tiefenschärfe. Millimetergroße Personen, die Blätter an einem Baum, die Pflastersteine auf den Straßen – sie sind knochenscharf noch beim Blick durch die zahlreich vorhandenen Lupen. Südamerika-Reisende werden Vergleiche anstellen zwischen dem heutigen und dem damaligen Anblick von Städten wie Bogotá, Quito, Lima oder Rio de Janeiro.

Fotos zeigen die Zerstörung von Bauten nach dem schweren Erdbeben von 1868 in Ecuador und Peru, wenngleich wissenschaftliche Fotografie nach heutigem Maßstab damals kaum möglich war. Die Südamerika-Reise gehört zu den zentralen Erfahrungen des Forschers, der sich seinerzeit eines großen Renommees erfreute. An der wissenschaftlichen Aufarbeitung seiner Fundstücke scheiterte er: Es waren zu viele.

Zum Thema