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Archivartikel

Sebastian Koch über die immer weniger werdenden Zeitzeugen und ihren großen Wert für die Gesellschaft

74 Jahre, elf Monate und dreieinhalb Wochen liegen zwischen heute und der Nacht vom 5. auf den 6. September 1943, in der alliierte Bomber den schwersten Angriff in der Region auf Mannheim und Ludwigshafen flogen. Fast 75 Jahre später erinnert kaum noch etwas an das Inferno, das sich in den Quadraten, den umliegenden Stadtteilen und jenseits des Rheins auf den Straßen Ludwigshafens zugetragen hat: Zerstörte Wahrzeichen sind wieder errichtet, Straßen längst geteert, Wohnhäuser renoviert und wieder aufgebaut. Und doch muss der Jahrestag einen großen Platz in der Wahrnehmung der Nachkriegsgenerationen, vor allem in der der zweiten, einnehmen. Zu viel Symbolik, zu viele Erkenntnisse stecken in ihm, als dass er einfach übergangen und vergessen werden darf.

Die Aufgabe der jungen Generation muss es künftig sein, Kriegserzählungen ihrer Großeltern weiterzugeben – und richtig einzuordnen. In Erinnerung muss bleiben, wer ursprünglich für die Bombardierung Mannheims, Ludwigshafens und vieler anderer deutscher Städte verantwortlich gewesen ist. Nicht die Alliierten, sondern Deutschland hatte den Krieg begonnen, und Deutschland trägt deshalb auch die größte Verantwortung für die eigenen Opfer.

Der Auftrag lautet, eine Erinnerungskultur zu pflegen, die in Zeiten von „Fake News“ und „alternativen Fakten“ die wahren Tatsachen aufrecht erhält. In Zeiten, in denen es nicht nur in Deutschland einen neuerlichen spürbaren Rechtsruck gibt, muss vor allem die junge Generation diesen Rechtsruck bekämpfen. Die Lösung darf dabei allerdings nicht, wie in diesen Tagen in Chemnitz zu sehen, der Extremismus des Linken sein – sie muss in einem demokratischen und grundgesetzkonformen Weg liegen.

In der Symbolik der auf Mannheim und Ludwigshafen niederfallenden Bomben liegt bei all der Trauer um Opfer und Verwundeten allerdings noch mehr: Bomben, die Frieden brachten. Einen Frieden, der auf deutschem Boden seit 73 Jahren anhält. Doch der Friede, er darf nicht als selbstverständlich angesehen werden. Nicht in Deutschland. Nicht in Europa, wo in der Ukraine nach wie vor täglich Menschen durch kriegerische Handlungen sterben. Und vor allem nicht weltweit, wo es eine Vielzahl an Krisenherden gibt. Für den Frieden muss täglich gekämpft werden – im Politischen, vor allem aber auch im Gesellschaftlichen.

Als gewichtigstes Argument dafür dienen immer noch die mahnenden, erschreckenden und eindrucksvollen Geschichten aller Zeitzeugen. Immer weniger von ihnen haben aber die Möglichkeiten, ihre Erlebnisse weiterzugeben. Jene, die in ihrem frühen Leben so viel Leid, so viel Trauer und Tod erfahren mussten, werden weniger – und mit ihnen Erfahrungen und Erzählungen von für die nächsten Generationen unschätzbarem Wert. Niedergeschrieben oder auf Video aufgenommen, können diese Schilderungen zwar die Fakten, die Zahlen und die Tatsachen weitervermitteln – doch es sind die persönlichen Gespräche, die den stärksten Eindruck hinterlassen. Berichten Zeitzeugen mit feuchten Augen von den niederfallenden Bomben, schreienden Menschen, Dramen an den Bunkertüren und den vielen Toten, so bewirkt das mehr als alle Buchseiten und Videofilme dieser Welt.

Aus diesem Grund haben sich drei Gymnasiasten mit einer Zeitzeugin getroffen und an dem Ort, an dem Eleonore Korbus die Bombennacht im September 1943 erlebt hat, über diese Nacht, ihre Folgen und die Zukunft diskutiert. Können sich baldige Abiturienten wirklich vorstellen, wie es war, damals, 1943, als Jugendliche „Krieg machen zu müssen“, wie es Zeitzeugin Eleonore Korbus ausdrückt?

Es war bemerkenswert, mutmachend, wie die Drei über den Erhalt von Kriegsgedenktagen, -Denkmälern und -Orten denken. Diese dienen dem Erinnern an das, was war und sich nicht wiederholen soll. Eine anderweitige Nutzung der Denkmäler und Orte, wie etwa die Bebauung von ehemaligen, im Zweiten Weltkrieg genutzten Militärkasernen mit neuen Wohnungen ist angesichts des Mangels an bezahlbaren Wohnraum zwar verständlich, muss aber Ausnahme bleiben. Es sind genau diese Orte, die wir zum Erinnern benötigen.

Doch das aus erster Hand gehörte Erlebte ersetzt all das nicht – die immer weniger werdenden Gelegenheiten müssen genutzt werden, den Geschichten der Zeitzeugen Gehör zu verschaffen. Hören wir ihnen also zu.

 
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