Kommentar

(Zu) Späte Einsicht

Wolfgang Mulke glaubt, dass es höchste Zeit ist, die Defizite in der Pflege auszugleichen

Spät, aber hoffentlich nicht zu spät will die Politik die Pflege reformieren. Dafür ist es höchste Zeit. Die Zustände in vielen Krankenhäusern und Pflegeheimen sind für viele der Beteiligten unhaltbar. Die Patienten leiden unter gestresstem Personal, das zu wenig Zeit für sie aufbringen kann. Pflegerinnen und Pfleger werden vielfach schlicht ausgebeutet. Erstere können sich nicht mehr wehren. Den meisten Betroffenen fehlt das Geld für die notwendigen Zuzahlungen in gut ausgestatteten Heimen. Letztere wurden in den letzten Jahren in eine perspektivlose Lage hinein manövriert. Es fehlt an Qualifikations- und Aufstiegsmöglichkeiten. Der Verdienst ist vergleichsweise gering, die körperliche und seelische Belastung hoch.

Die Einrichtungen klagen wiederum über zu geringe finanzielle Mittel für einen ordentlichen Betrieb. Wenn sich an all diesen Malaisen nichts ändert, wird das System kollabieren. Denn allmählich wird die Alterung der Gesellschaft eine wachsende Zahl von Pflegebedürftigen nach sich ziehen, spätestens, wenn die geburtenstarken Jahrgänge zunehmend hilfsbedürftig werden. Das sind alles keine neuen Erkenntnisse, eher Indizien für ein zu langes Wegschauen der verantwortlichen Politiker. Immerhin soll es jetzt nicht mehr nur bei der Erkenntnis bleiben, sondern auch Taten geben. Das Pflegepaket von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sieht schon mal eine Personalaufstockung vor. Pro Einrichtung könnte eine Pflegekraft mehr dabei herauskommen. Die Betonung liegt auf „könnte“, denn es mangelt an Fachkräften. Der Beruf ist zu unattraktiv, erst recht, wenn die Wirtschaft allenthalben boomt und alternative Jobs in Hülle und Fülle anbieten kann. Doch stellt das Vorhaben einen Einstieg in eine neue Wertschätzung der Pflege dar. Auch die steigenden Beiträge zur Pflegeversicherung sind nur ein Auftakt dessen, was noch kommen muss. Die Pflege wird noch sehr viel teurer werden. Wer einen menschlich würdevollen Umgang mit Alten und Kranken will, muss das auch gutheißen. Ein erster wichtiger Schritt zu besseren Arbeitsbedingungen wäre eine gute Bezahlung der Pflegerinnen und Pfleger.

Ein Flächentarifvertrag könnte hier Mindeststandards setzen. Die privaten Pflegeunternehmen sperren sich aber dagegen. Sie sind auf eine möglichst hohe Rendite aus. Da wird gespart, wo immer es geht. Beim Personal ist dies noch immer zu leicht. Die Gemengelage ist bei der Bezahlung leider kompliziert. Die kirchlichen Träger haben wie der öffentliche Dienst eigene Tarifverträge, die sich nicht auf die gesamte Branche ausweiten lassen. Über das Entsendegesetz wären gleiche Bedingungen für alle in der Pflege aber durchaus machbar. Man muss es nur wollen. Der Umgang mit dem Personal ist der zentrale Punkt für eine gute Pflege.

Es geht dabei nicht nur um das Einkommen allein. Es müssen langfristige Perspektiven für die Berufseinsteiger geschaffen werden, die auch einen sozialen Aufstieg ermöglichen. Der Mangel darf auch nicht stets nur über verdichtete Arbeit auf die vorhandenen Kräfte abgeschoben werden. Die Defizite im System lassen sich vielleicht noch einmal eine Zeit lang mit wolkigen Ankündigungen überdecken. Es ist aber höchste Zeit, sie endlich zu beseitigen.

 
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