Kommentar

Zeit zu gehen

Archivartikel

Katrin Pribyl kritisiert die britische Premierministerin: Theresa May lebt in einer Blase und ramponiert damit das Königreich

Theresa May mag in den vergangenen Jahren eine Verlängerung ihrer Amtszeit nach der nächsten erzwungen haben, doch selbst für die Meisterin des Spiels auf Zeit hat nun das Endgame begonnen, wie die Briten es nennen. Die Frage ist, ob die Premierministerin das auch zeitnah anerkennt. Noch klammert sie sich an die Macht wie eine Ertrinkende auf offener See an ein Stück Treibgut, während die umliegenden Rettungsboote sich immer weiter entfernen. Das hat etwas von Verzweiflung, ist Mays Rückzug angesichts ihres kompletten Autoritätsverlusts doch unausweichlich.

Ihr fast schon stures Verhalten dient niemandem im Land, in dem ohnehin bereits genügend Chaos herrscht – hauptsächlich verursacht von den Konservativen, die nun vor den Augen der Nation einen Zusammenbruch erleiden. Und das ausgerechnet am Tag der Europawahl. Das ist selbst für das an außergewöhnliche Zeiten gewohnte Königreich außergewöhnlich. Aber die krachende Niederlage haben die Tories bereits einkalkuliert, vielleicht hängen manche auch noch immer der Fantasie nach, dass die neu gewählten Europaabgeordneten nie ihr Mandat annehmen müssen, weil bis Anfang Juli der Brexit vollzogen sein könnte.

Viel wahrscheinlicher ist aber, dass das Königreich etliche EU-hassende Populisten von der Brexit-Partei auf den Kontinent schicken wird, die vor allem Unruhe stiften wollen. Den Konservativen scheint das egal, in der Fraktion denkt wieder einmal jeder nur an sich. Es wird geplottet und verschworen.

Die Tories, berühmt-berüchtigt dafür, wie rücksichtslos und unbarmherzig sie gerne ihre Vorsitzenden loswerden, werden ihrem Ruf gerecht. Beobachter ziehen schon Parallelen zum demütigenden Sturz der Ex-Parteichefin Margaret Thatcher.

Und Theresa May? Sie versteckt sich und lässt Minister mit ihren Besuchswünschen lieber abblitzen. Noch ein bisschen länger will sie in ihrer Blase verharren – die jedoch bald platzen muss. Denn gleichgültig, welchen Brexit-Deal sie künftig dem Parlament verkaufen würde, der Widerstand richtet sich mittlerweile kaum noch gegen ihre Politik, sondern vielmehr gegen ihre Person.

Westminster ist deshalb völlig gelähmt. Man mag richtigerweise versucht haben, einen parteiübergreifenden Kompromiss zu erzielen, um den Brexit umzusetzen und im nationalen Interesse zu handeln. Doch der Schritt kam zu spät. Anstatt zu einen, spaltete sie mit ihrem jahrelangen herumeiernden Kurs sowie der fehlenden Kommunikation und Transparenz noch mehr.