Kommentar

Wichtige Balance

Archivartikel

Alexander Jungert zur ersten Chemie-Tarifrunde

Nach einem Jahresauftakt mit Umsatzrekorden bekommt die Chemiebranche Gegenwind zu spüren. Der nahende Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union (Brexit) und internationale Handelskonflikte verunsichern wichtige Kunden aus der Industrie. Trübere Aussichten könnten nun die Tarifverhandlungen erschweren.

Zu Beginn der ersten bundesweiten Runde warnen die Betriebe vor überzogenen Geld- und Arbeitszeitforderungen wegen der genannten Risiken. Das riecht verdächtig nach Taktik. Auch wenn das Geschäft vermutlich schwieriger wird, muss man sich klarmachen: Die Branche erwirtschaftet viel Umsatz und ist sehr profitabel. Immerhin hält der Verband der Chemischen Industrie die Prognose für das Gesamtjahr aufrecht – diese geht von einem Rekord aus.

Die Gewerkschaft IG BCE hat einen interessanten Vorschlag gemacht, der sich gut dafür eignet, Fachkräfte zu halten und zu werben: Beschäftigte sollen zwischen mehr Urlaubsgeld und mehr Freizeit wählen können. Der Impuls dafür ist direkt aus den Belegschaften gekommen. Für viele ist eine bessere Balance zwischen Beruf und Freizeit inzwischen wertvoller geworden als das Gehalt. Über Zeitsouveränität und verminderte Belastung zu reden, ist daher richtig. Doch eine höhere Flexibilität ist nicht zu verwechseln mit kürzerer Arbeitszeit. Auch hier ist die Balance wichtig, denn die Unternehmen müssen jederzeit auf die Nachfrage reagieren können. Der Tarifstreit wird bestimmt spannend – bald beginnt Runde zwei.

 
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