Kommentar

Viele Leerstellen

Peter Reinhardt beklagt die Mängel in den Lehrerprognosen, die in den nächsten Jahren dramatische Folgen für die Schulen haben

Mit ihren Lehrerbedarfsprognosen hatten die Kultusminister schon in der Vergangenheit wenig Glück. Die Hochrechnungen basieren auf einer amtlichen Statistik, die nur alle paar Jahre erhoben wird. Veränderungen werden deshalb meist zu spät erfasst. Das zeigt sich auch an der neuen Prognose: Danach ist in den Jahren bis 2030 in manchen Ländern fast ein Drittel der Stellen mangels Bewerber nicht zu besetzen. Das ist ein Armutszeugnis und ein politisches Versagen. Denn zumindest die Kinder, die in den nächsten fünf Jahren in die Schulen kommen, sind schon auf der Welt. Da hätte man früher gegensteuern müssen.

Seit Jahrzehnten wiederholen sich an den Schulen die gleichen Fehler: Geht die Schülerzahl zurück, dauert es zu lange, bis die Lehrerstellen angepasst werden. Gerade reagiert die Politik zu spät auf steigende Schülerzahlen. Das ist so ähnlich wie beim Schweinezyklus: Die Bauern vergrößern bei hohen Fleischpreisen die Tierbestände so lange, bis die Preise wieder sinken.

Trotz der neuen Bedarfszahlen wird Lehrer nicht automatisch ein Mangelberuf. In Baden-Württemberg finden zum Beispiel hunderte Bewerber mit sprachlichen und sozialwissenschaftlichen Fächern keine Stelle. Dieses Überangebot hilft den Schulen wenig, die Stellen in naturwissenschaftlichen Fächern besetzen müssen.

Bei den Grund- und den Sonderschulen gibt es dagegen bundesweit einen Bewerbermangel. Da hat die Politik zu spät mit dem Ausbau der Ausbildungskapazität reagiert. Es dauert halt etwa sechs bis sieben Jahre bis ein Studienanfänger als Lehrer vor einer Klasse steht. Und bei den Sonderschullehrern haben die meisten Bundesländer sich selbst beim Ausbau der Inklusion in die Mangelsituation manövriert. Baden-Württemberg leistet sich zum Beispiel eine personalintensive Doppelstruktur mit Sonderpädagogen an den allgemeinbildenden Schulen und den speziellen Zentren für Behinderte.

Die Probleme sind kurzfristig kaum lösbar. In Berlin greift man in der Not auf Quereinsteiger ohne ausreichende pädagogische Qualifikation zurück. Das führt sicher zu einem bedenklichen Niveauverlust. Dass Schulen heute oft als Problemzone wahrgenommen werden, lässt viele junge Leute vor dem Lehrerberuf zurückschrecken. Da ist Aufklärung notwendig.

Vor allem an den Grundschulen könnten Teams mit Sozialarbeitern und Erziehern die Lehrer bei der Betreuung von Schülern entlasten. Und natürlich stehen hinter der Berufswahl auch wirtschaftliche Erwägungen: Derzeit lockt die gute Konjunktur viele Abiturienten in besser bezahlte Jobs in der Wirtschaft. Die lebenslange Beschäftigungsgarantie eines Berufsbeamten könnte in der nächsten Krise durchaus wieder gewichtiger werden. Bei Grundschullehrern wirkt sich aus, dass sie schlechter bezahlt werden als ihre Kollegen der weiterführenden Schulen. In jedem Fall muss die Politik schneller auf Änderungen der Schülerzahlen reagieren. Jährliche Prognosen wären da ein erster Schritt.