Kommentar

Tabubruch

Thomas Spang meint, mit der Massenausweisung von nichtregistrierten Migranten geht Donald Trump weiter als alle US-Präsidenten vor ihm

Die Angst geht um in den Latino-Nachbarschaften Amerikas. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich dort die Nachricht, dass die Einwanderungspolizei ICE an diesem Sonntag beginnen wird, gegen die ersten der insgesamt elf Millionen „Undokumentierten“ vorzugehen. Ob die Behörden überhaupt das Personal haben, Massendeportationen durchzuführen, wird von Experten bezweifelt. Gewiss aber übt das Vorgehen der Regierung psychologischen Terror unter den Betroffenen aus, die oft seit vielen Jahren in den USA leben. Einwanderer ohne Papiere arbeiten in den Gärten, Haushalten und Küchen, erledigen die anstrengenden Jobs in den Schlachthäusern, Plantagen und Feldern oder pflegen die Alten und Kranken. Ohne deren Arbeit geht in vielen Dienstleistungsbereichen nichts mehr.

Mit den geplanten Massendeportationen überschreitet Trump nun eine Schwelle, vor der jeder andere Politiker bisher zurückschreckte. Bisher galt es als Tabu, gegen nicht-straffällig gewordene Einwanderer vorzugehen. Doch Trump meint, was er 2016 im Wahlkampf sagte, als er versprach, die illegale Einwanderung zu stoppen. Mittlerweile ist er verantwortlich für den unmenschlichen Umgang mit bereits im Land lebenden Migranten und den Flüchtlingen an der Südgrenze. Dazu gehören die staatlich angeordnete Trennung von Familien, die unterkühlten Käfige, in denen Menschen wie Vieh gehalten werden, oder die Internierung von Kindern und Jugendlichen in von Stacheldraht gesicherten Zelt-Lagern.

Trump bedient die Ängste und den Hass seiner Anhänger. Vor allem die weißen Männer, die seit Gedenken den Ton in der Gesellschaft angeben, versuchen, den drohenden Verlust ihres Einflusses aufzuhalten. Trumps chauvinistische „America First“-Politik findet im Inneren ihren Ausdruck in dem herzlosen Umgang mit Flüchtlingen und „Undokumentierten“. Dass er dabei bereit ist, dem eigenen Land zu schaden, zeigt, wie tief verwurzelt seine Überzeugungen sind. Gegen eine Regierungspolitik, die eine Minderheit zum Sündenbock macht, wird Widerstand zur Pflicht. Die kommenden Tage werden zeigen, ob die moralische Kraft in Trumps Amerika dazu noch vorhanden ist.

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