Kommentar

Strategie fehlt

Thomas Spang über Donald Trumps Militärschlag gegen Syrien: Der US-Präsident ist kein großes Risiko eingegangen

Die gute Nachricht vorneweg. Pentagon-Chef Jim Mattis und die Generäle haben US-Präsident Donald Trump davon abgebracht, planlos in ein militärisches Abenteuer in Syrien hineinzurennen. Sie lenkten seinen Impuls auf Ziele um, die sich ohne großes Risiko angreifen ließen. Und warnten die Russen rechtzeitig genug vor. Die Militärs haben Mattis Deeskalations-Mission mit Bravour erfüllt. Die schlechte Nachricht lautet, dass der Militärschlag wenig an der grundlegenden Dynamik des Bürgerkriegs in Syrien verändert hat.

Trotz der vollmundigen Erklärung, das „Herz“ des Chemiewaffen-Programms getroffen zu haben, muss das Pentagon einräumen, es gebe Restbestände und keine Gewähr, dass Diktator Baschar al-Assad diese künftig nicht einsetzen wird. Vieles sieht nach einer Fortsetzung der von Kritikern als „Operation Schlagloch“ bezeichneten Strafaktion aus, mit der Trump vor einem Jahr erstmals auf einen Chemiewaffen-Einsatz Assads reagierte.

Bereits wenige Stunden nach dem Angriff auf den Luftwaffenstützpunkt von Shayrat hoben von den eilig reparierten Startbahnen wieder syrische Kampfflugzeuge ab. Als wäre nichts geschehen. Der von Trump so oft gescholtene Barack Obama erreichte 2013, ohne einen einzigen Marschflugkörper abzufeuern, mehr als der Präsident mit seinen symbolischen Militärschlägen. Im Gegenzug für den Verzicht auf eine Strafaktion musste Syrien unter internationaler Aufsicht 1300 Tonnen an Chemiewaffen vernichten. Dass Assad seitdem wieder Giftgas einsetzte, hat damit zu tun, dass Chlorgas auch für zivile Nutzen verwandt wird und grundsätzlich erlaubt blieb. Das Sarin stammt dagegen aus versteckten Restbeständen.

Wie wenig ernst der skrupellose Diktator Trumps „rote Linien“ nimmt, demonstrierte er wiederholt. Mindestens fünf Mal setzte er seit dem ersten Vergeltungsschlag Chlorgas ein. Mit seinem Giftgasangriff auf Duma kann Assad nun seine Mission als erfüllt betrachten. Er kontrolliert den letzten Vorort von Damaskus, der sich noch in Rebellenhand befand.

Bei seiner Ansprache in der Nacht des zweiten Vergeltungsschlags versicherte der US-Präsident dem Diktator zwischen den Zeilen, solange dieser keine Chemiewaffen gebrauche, werde auch er ihn nicht daran hindern, sein Schlachten mit konventionellen Waffen fortzusetzen.

Wie es der Sorge des Präsidenten um die Zivilbevölkerung in Syrien auch sonst an der gebotenen Ernsthaftigkeit fehlt. Andernfalls müsste er die Türen weit für die Familien öffnen, die vor Assads Krieg fliehen. Das Gegenteil ist der Fall. Die USA erlaubten 2018 genau elf syrischen Flüchtlingen die Einreise. Die Version 2.0 der „Operation Schlagloch“ überzeugt so wenig wie die erste Folge vor einem Jahr. Welche „Mission“ Trump damit erfüllt haben will, bleibt sein Geheimnis. Zumal er am Rückzug der 2000 US-Soldaten aus Syrien und dem Streichen der Wiederaufbauhilfe für die von der Terrororganisation Islamischer Staat befreiten Gebiete festhält.

Eine Strategie lässt sich deshalb auch beim besten Willen nicht erkennen. Und die Kraftmeierei via Twitter kann nicht kaschieren, was Donald Trump in der Nacht zum Samstag vor aller Welt demonstrierte: die Schwäche eines überforderten US-Präsidenten im Weißen Haus.