Kommentar

Starres Korsett

Bertram Bähr zum Wunsch der Eltern nach mehr Flexibilität

Offene oder verbindliche Ganztags-Grundschule auf Franklin – hätte die Stadt im Vorfeld einer Entscheidung darüber sehr viel intensiver versuchen müssen, die Meinung der Eltern einzuholen? Oder reichte es aus, in Ausschüssen und im Bezirksbeirat „über das Vorhaben und die vorgesehene Schulform“ zu informieren, wie es die Verwaltung schreibt? Fakt ist, dass die Einbindung der Eltern schwierig gewesen wäre. Wer betroffen ist, lässt sich nicht so einfach feststellen, wenn die Schule erst gebaut werden muss – und viele Eltern von Grundschülern noch nicht einmal dort wohnen.

Eine Einbindung der Mütter und Väter wäre in diesem Fall aber gar nicht nötig gewesen, um zu einer anderen Entscheidung zu kommen. Dazu hätte die Stadt lediglich umsetzen müssen, was sie in ihrem eigenen Konzept zum Ganztagsschulausbau festgehalten hat: In sozialstrukturell „unauffälligen“ Gebieten wolle man „die Wahlform anbieten“.

Alternativ hätte die Verwaltung ihren Blick über die Stadtgrenzen hinaus richten – und auf die Realitäten im Land Baden-Württemberg blicken können. Nur rund neun Prozent der Ganztags-Grundschulen im Land haben verpflichtenden Charakter. Und unter den 14 Bildungsstätten, die im kommenden Herbst dazu kommen, ist nur eine ohne Wahlform: Franklin. Das zeigt ganz klar, dass sich der Löwenanteil der Eltern flexible Lösungen wünscht.

Dass die verpflichtende Form organisatorische Vorteile hat – und aus pädagogischer Sicht einiges für sie spricht – ist unbestritten. Aber ebenso unbestritten ist, dass viele Eltern darin Nachteile sehen. Schon allein wegen ihrer Größe hätte die vierzügige Franklin-Grundschule vieles möglich machen können: etwa einen Halbtagszug, zwei Züge bis 15, einer bis 16 Uhr. Stattdessen müssen sich die Eltern in ein starres Korsett zwängen lassen – oder ihre Kinder anderswo anmelden.

 
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