Kommentar

Ringen um eine Vision

Archivartikel

Thomas Spang zum Regierungsstillstand in den USA

Dieser Regierungsstillstand in den USA ist anders als die in der Vergangenheit. Es geht nicht um die Höhe der Verschuldung oder die Rolle des Staates im Leben seiner Bürger – sondern um die Seele Amerikas. Versteht sich die Einwanderer-Nation noch als solche? Oder hat sie vergessen, dass ihre Gründer allesamt ungefragt in die neue Welt kamen? Die Einzigen, die „legal“ hier lebten, waren die Ureinwohner, denen die Neuankömmlinge nach und nach ihr Land wegnahmen. Gemessen daran haben die 800 000 „Dreamer“, die als Kinder von ihren ohne Papiere zugewanderten Eltern ins Land gebracht wurden, allemal das Recht, dort zu bleiben, wo sie aufwuchsen.

Donald Trump und die Republikaner versuchen, ihre geschichts-vergessene Einstellung mit Mauerbau, Muslim-Bann und Mexikaner-Hetze zur Staatsräson zu machen. Dass der Präsident das Schicksal der „Dreamer“ als Druckmittel für seine Agenda benutzt, ist schäbig, war aber nicht anders zu erwarten von einem, der andere Länder als „Dreckslöcher“ denunziert hat. Der Stillstand der Regierung gerät so zum passenden Symbol am ersten Jahrestag einer Präsidentschaft, die das Selbstverständnis der USA im Inneren und in der Welt infrage stellt. Deshalb wird es schwerfallen, einen Kompromiss zu finden, der über ein paar Wochen hinausreicht. Demokraten und Republikaner ringen um nicht weniger als die Vision einer Nation.