Kommentar

Reich, aber arm

Alexander Jungert über den Wirtschaftsaufschwung in Deutschland und die daraus wachsende Verantwortung

 

Das ist doch alles zu schön, um wahr zu sein. Die Verbraucher befinden sich im Kaufrausch, Unternehmen investieren kräftig, Produkte „Made in Germany“ sind weltweit der Renner. Von den höheren Steuereinnahmen und den anhaltend niedrigen Zinsen profitiert auch der Staat: Er hat im vergangenen Jahr mehr Geld eingenommen als ausgegeben. Schon zum vierten Mal in Folge. Die Wirtschaft wächst unbeirrt, der Staat schreibt schwarze Zahlen quasi von allein.

So viel zur Statistik – jetzt zum wahren Leben. Der deutsche Staat trägt Schulden von zwei Billionen Euro herum, das ist eine Zahl mit zwölf Nullen. Nur weil die Schuldenuhr inzwischen rückwärts läuft, ist diese wahnsinnig schwere Last nicht leichter geworden. Schuldentilgung ist und bleibt eine der wichtigsten Aufgaben. Gleichzeitig muss der Staat dringend mehr investieren: in marode Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser und Straßen. Bürgermeister stöhnen, dass Städten und Gemeinden das Geld fehlt.

Das Schlimmste aber ist, dass sich viele Bürger in Deutschland von der guten wirtschaftlichen Entwicklung abgehängt fühlen – oder tatsächlich abgehängt sind. Erst vor Kurzem hat eine Umfrage des Caritas-Verbandes ergeben, dass fast drei Viertel der Deutschen fürchten, wegen hoher Mieten ihr Dach über dem Kopf zu verlieren. Immer mehr ältere Menschen leben demnach schon ohne Wohnung. Die Angst vor Altersarmut ist allgegenwärtig.

Besonders gravierend ist es schon, wenn Kinder unter erbärmlichen Verhältnissen aufwachsen müssen. Oft können sie sich später nicht mehr aus der Armut befreien. Das wiederum hat Folgen für Bildungschancen und Gesundheit. Und das in Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt.

Geblendet vom Wirtschaftsaufschwung, vergessen Politiker oft die Zukunft des Landes. Dabei währt das Wachstum nicht ewig. Früher oder später wird die Wirtschaft wieder schwächeln, weder Unternehmen noch Politiker können das verhindern. Aber sie haben die Pflicht, den Blick nach innen zu richten. Sie müssen das Land in den bestmöglichen Zustand versetzen, um Wohlstand zu schaffen und ihn zu sichern. Zu tun gibt es jedenfalls genug.

Wenn durch eine gute Konjunktur die Steuereinnahmen sprudeln, entfacht sich immer ein Streit darüber, wie das Geld verwendet werden soll. Eines ist klar: Es nützt niemandem etwas, wenn sich der Bundesfinanzminister, wie in der Vergangenheit geschehen, über eine schwarze Null freut, die nur von statistischem Wert ist. Es nützt auch keinem Bürger etwas, wenn er das Land reich spart.