Kommentar

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Werner Kolhoff ermuntert die Sozialdemokraten zu mehr Selbstvertrauen und Selbstsicherheit in einer neuen großen Koalition

 

Halb zog es sie, halb sank sie dahin. Am Ende liegt die SPD wieder in den Armen der großen Koalition. Die einen werden sagen, sie sei umgefallen. Ganz besonders Martin Schulz werden sie das vorwerfen, weil er etwas zu vehement und vor allem zu lange auf Opposition gesetzt hat. Er wird jetzt mächtig kämpfen müssen – für die große Koalition. Ironie der Geschichte, Ironie dieses vertrackten Wahlausgangs.

Man kann aber auch sagen, die SPD sei standhaft geblieben. Der Verführung, sich in die Büsche zu schlagen, ist sie nicht erlegen. Sie ist doch noch eine Partei der staatspolitischen Verantwortung. Keine Luftikus-Partei. Keine FDP. Sie kann und will sich nicht einfach aus innerparteilich-taktischen Gründen verweigern. Vorgezogene Neuwahlen wären zum Schaden Deutschlands gewesen. Zum Schaden für seine Wirkungsmöglichkeiten in Europa und der Welt. Und zum Schaden für die Bonität bei Investoren und Banken, also für die Wirtschaft.

Sie hätten auch eine vorgezogene Katastrophe für die SPD bedeutet, die ganz sicher abgestraft wird, wenn die Regierungsbildung an ihr scheitern sollte. So wie die FDP den Ruf des Verweigerers nicht mehr loswird.

Die SPD-Basis wird sich schwertun mit der Entscheidung, die jetzt ohne großen Schaden für die Partei kaum noch rückholbar ist. Es gibt in der Partei eine große Sehnsucht nach der reinen Lehre. Die ist mit 20 Prozent nicht zu verwirklichen. Selbst mit 30 Prozent nicht. In Deutschland wird immer eine Koalition regieren, mit dem Bundesrat sogar eine ganz, ganz große. Revolutionen werden hier nicht gemacht. Niemand sollte daher so tun, als gebe es die mit dem einen oder anderen Regierungsbündnis. Die Unterschiede sind gering. Die SPD muss sich jedoch die Frage stellen, ob die geforderte staatspolitische Verantwortung und die berechtigten parteipolitischen Interessen in einer neuen gemeinsamen Regierung wirklich ein Gegensatz bleiben müssen. Ob man sich nicht auch in der großen Koalition erneuern kann.

Es war ja auch die Art des Mitregierens mit Angela Merkel (CDU), die die Partei in den vergangenen vier Jahren das Profil gekostet hat, trotz guter inhaltlicher Erfolge wie beim Mindestlohn. Es war ihre Bravheit. Wo hat man denn einmal einen Koalitionskonflikt zugespitzt, bis hart an den Bruch? Nicht einmal, als die Union das schon verabredete Rückkehrrecht von Teilzeit in Vollzeit verweigerte. Ebenso nicht bei der unseligen Maut. Wo hat man denn der eigenen Mitgliedschaft per Urwahl Entscheidungen überlassen und sich daran gehalten, auch wenn die Union nicht mitgespielt hätte? Wo hat man die eigenen Erfolge offensiv verkauft? Die CSU und ihr Pokern in der Flüchtlingspolitik sind ein gutes Beispiel dafür, dass Koalition nicht Kuschen und nicht parteipolitische Profillosigkeit bedeuten muss.

Die mangelnde Attraktivität der SPD lag und liegt nicht an der Groko. Auch nicht an Merkel. Sie liegt an den Sozialdemokraten selbst. An ihrer mangelnden Selbstsicherheit, an ihrem mangelnden Selbstvertrauen. Und deshalb wird es keine Lösung sein, sich in die Schmollecke zurückzuziehen. Gerade deshalb nicht. Die Lösung heißt: es in den kommenden vier Jahren anders machen. Die Tatsache, dass eher die Union als die SPD Angst davor haben muss, wenn eine neue Groko vorzeitig scheitert, könnte diesen Vorsatz enorm erleichtern.

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