Kommentar

Nicht endender Horror!

Archivartikel

Es gibt Grenzen. Grenzen des Erträglichen und Grenzen in der Gesetzgebung. Beim Thema Stalking prallen diese beiden Tatsachen schonungslos aufeinander. Meistens sind es Frauen, die weit über das erträgliche Maß hinaus verfolgt, belästigt und bedrängt werden. Über Monate, manchmal auch über Jahre hinweg sind sie ihren Peinigern ausgeliefert. Ihr Leben wird fremdbestimmt, Angstzustände prägen den Alltag, der Psychoterror kennt kein Ende. Zugleich passiert ihnen nichts. Nichts nachweisbar Schlimmes.

Ähnlich wie bei einem giftig kläffenden Hund, dessen Besitzer beschwichtigend erklärt: „Der macht doch nichts.“ Aber: Ob er was macht oder nicht, spielt gar keine Rolle. Denn schon die Angst ist der Horror. Und bei einem Stalking handelt es sich eben nicht nur um wenige Minuten. Ein Stalker taucht immer wieder auf – unberechenbar, penetrant, bedrohlich.

Ja, es hat sich im Jahr 2018 etwas getan in der Gesetzgebung. Tätern drohen jetzt allein wegen Nachstellung Geldstrafen, Annäherungsverbote, Platzverweise und im schwerwiegenden Fall auch bis zu fünf Jahre Haft. Aber bis es zu einer Strafe kommt, ist es oft schon zu spät. So wie im aktuellen Fall, bei dem eine Frau von ihrem Ex-Freund in einem Akt der Rache regelrecht niedergemetzelt wurde.

Wäre es die Lösung, gleich bei den ersten Anzeichen, Täter schneller und härter zu bestrafen? So einfach ist es leider nicht. Denn das würde bedeuten, dass auch die betroffenen Frauen schneller reagieren und sofort begreifen müssten, dass sie in ernsthafter Gefahr sind. Sich das einzugestehen, das Leben daraufhin einzuschränken, indem man Protokolle schreibt, das Haus nicht mehr verlässt, möglicherweise die Lebensgewohnheiten ändert . . . Das ist kein Prozess, der innerhalb von Tagen durchgezogen werden kann. Das geht oft erst unter größter Verzweiflung. Es ist menschlich, dass zunächst die Hoffnung überwiegt, es könnte sich legen. Und es ist nachvollziehbar, einen solchen Psychoterror vorerst zu verschweigen. Zumal oft auch der Vorwurf aufkeimt, man könne selbst schuld sein.

Die Getötete im aktuellen Fall hatte alle Ratschläge befolgt – Anzeige erstattet, Protokolle geführt, den Kontakt abgebrochen. Jetzt ist sie tot. Wir können nur lernen, genau hinzuschauen, Opfer zu ermutigen, bald Anzeige zu erstatten, sie motivieren, früh Protokolle zu erstellen. Aber es bleibt die erschütternde Erkenntnis, dass wohl auch in Zukunft solche Taten nicht immer vermieden werden können.

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