Kommentar

Muskelspiele

Inna Hartwich über das Großmanöver „Wostok“, mit dem Russland nicht nur seine militärische Stärke demonstrieren will

Wenn Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu die technischen Zahlen des Großmanövers „Wostok“ (Osten) aufzählt, geht es vor allem um die Demonstration einer Kampfkraft, wie es sie in Russland noch nie gegeben hat. Von 300 000 Militärangehörigen spricht er, bis zu 36 000 Panzern und anderen Fahrzeugen, mehr als 1000 Flugzeugen, Drohnen und Hubschraubern, 80 Marineschiffen. Auf neun Übungsplätzen werde der Ernstfall geprobt, selbst der Nordmeerflotte kommt eine wichtige Rolle zu. In der Arktis prallen russische, europäische, amerikanische und neuerdings auch chinesische Interessen aufeinander, das Gebiet weist für die Zukunft großes Konfliktpotenzial auf. Und die Russen üben schon einmal.

Wer bei dem Mega-Einsatz, der heute zu Ende geht, Freund und wer Feind sein soll, sagt Moskau nicht. Der Kreml betont nur, dass das Manöver in der gegenwärtigen weltpolitischen Situation alternativlos sei. Russland werde schließlich stets „sehr aggressiv und unfreundlich“ angegangen. Die Muskelspiele unterstreichen den Willen Russlands, auf der internationalen Bühne als ebenbürtiger Gesprächspartner wahrgenommen zu werden, auch wenn der Kreml vergisst, dass die gegenseitige Achtung nicht durch das Recht des Stärkeren zu erlangen ist.

Kritiker mögen die Masse an Mensch und Material bei „Wostok“ für übertrieben halten, die Übung in Sibirien und Russlands Fernem Osten ist dennoch ein Signal an Ost und West zugleich. Die Nato-Staaten fühlen sich vom militärischen Aufblähen der Russen bedroht und versuchen nachzuziehen. In wenigen Wochen beginnt mit „Trident Juncture“ ebenfalls eine große Truppenübung mit 40 000 Soldaten aus 29 Nato-Mitgliedsstaaten und Kontingenten aus Schweden und Finnland in Norwegen – unter ihnen auch 8000 Deutsche.

Westliche und manche russische Beobachter, sprechen bei der „Wostok“-Übung von einer Vorbereitung Russlands auf einen neuen Weltkrieg. Russlands Führung kommen solche Töne nicht ungelegen, setzt sie doch stets auf Angst, durch die sie Respekt einfordert.

Die Sorge, vor allem von russischen Nachbarn in Ostmitteleuropa, ist berechtigt. Die vergangenen Jahre haben gelehrt, dass auf Russland kein Verlass mehr ist. Nur wenige Monate nach einer russischen Militärübung im Westen Russlands und an der polnischen Grenze in Belarus besetzte Russland 2014 die ukrainische Halbinsel Krim. Nicht einmal drei Wochen nach dem „Kaukasus“-Manöver der russischen Armee kam es 2008 zum Fünf-Tage-Krieg zwischen Russland und Georgien.

Dieser Krieg spielt auch für das jetzige Manöver eine Rolle. Erst die Auseinandersetzung, bei der Georgien 20 Prozent seines Territoriums verlor, zeigte der russischen Regierung, wie träge ihre Streitkräfte waren. Eine Militärreform machte 2008 aus schwerfälligen Großverbänden kleine, agile Brigaden. Der Personalbestand nahm ab, die Ausgaben fürs Militär stiegen. Truppenübungen finden nun regelmäßig statt, ihre Zahl liegt viel höher als die der Nato. Der Krieg in Syrien, so betont es das Verteidigungsministerium, schärfe die Schlagkraft der russischen Armee.

Viel bemerkenswerter als die Mobilmachung von einem Drittel aller russischen Militärs ist bei der Mega-Übung die Teilnahme von 3000 chinesischen Soldaten. Die Annäherung in Politik und Wirtschaft wird damit um die militärische Komponente erweitert. China nimmt hier an strategischen Handlungen teil, nicht nur an Antiterror- oder Polizeiübungen, wie bisher. Ein Novum. Bislang hatte Russland nur seinen Verbündeten wie Belarus und Kasachstan Einblick in die eigenen Truppen gewährt. Nun soll offensichtlich demonstriert werden, dass Peking kein strategischer Konkurrent mehr ist.

Die Chinesen eint mit den Russen der Wille, die Dominanz der USA zu schwächen. Wobei Peking und Moskau der Welt eigene Re-geln diktieren wollen. Die Chinesen profitieren von der Kampferfahrung der Russen. Moskau zeigt damit – ganz in seinem Streben nach einer multipolaren Welt –, wie einfach es sich neuen Verbündeten zuwenden kann und streift nach außen seine Isolation ab. Mag da mit Peking auch vieles noch Wunschtraum sein.

 
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