Kommentar

Mit Augenmaß

Ulrike Bäuerlein hält das Haft-Modell für hilfreich

Dass ein Leben aus der Bahn gerät, kann ganz schnell passieren. Manch einer in ohnehin schwieriger Lebenssituation findet sich unversehens vor Gericht wieder. Gesetzesverstöße müssen bestraft werden – aber nicht jeder Straftäter ist ein Schwerkrimineller. Bei geringeren Delikten können Richter daher statt Haftstrafen auch Geldbußen verhängen. Wer diese nicht bezahlen kann, muss ersatzweise ins Gefängnis. In Baden-Württemberg gibt es aber die Möglichkeit, diese Ersatzfreiheitsstrafe, auch in Kombination mit Ratenzahlungen, im Programm „Schwitzen statt Sitzen“ durch gemeinnützige Hilfstätigkeit abzuarbeiten. Ein bewährtes Erfolgsmodell, von dem alle Seiten profitieren und das nicht zuletzt manchem Verurteilten den Zugang zu einem geregelten Arbeitsleben eröffnet.

Allerdings ist die Bringschuld bisher auf der Seite der Verurteilten. Sie mussten sich selbstständig um die Aufnahme bemühen, einen Antrag bei der Staatsanwaltschaft stellen. Eine Hürde, die für manche Verurteilte aus ganz unterschiedlichen Gründen oft kaum zu überwinden ist.

Das Justizministerium startet jetzt mit zwei Pilotprojekten einen Anlauf, um speziell denen aktiv in das Programm zu verhelfen, die ohnehin mit der Organisation ihres Lebens überfordert sind. Die Bewährungs- und Gerichtshilfe kann im Idealfall mit dieser Art von aufsuchender Sozialarbeit weit mehr erreichen, als es im Justizvollzug mit der Verbüßung einer Ersatzfreiheitsstrafe möglich ist. Der Gedanke dahinter zeugt von einer Justiz mit Augenmaß.

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