Kommentar

Latente Unruhe

Bisher hat Europa Glück: Die wenigen Fälle von Infektionen mit dem Covid-19-Virus betreffen nur Bürger, die sich in China angesteckt haben. Außerdem verlaufen die Erkrankungen vergleichsweise mild.

Doch den Gesundheitsministern der EU war in Brüssel anzumerken, dass sie diesem Frieden nicht trauen. Auch nur ein einziger Krankheitsfall, bei dem die Übertragung außerhalb des Reiches der Mitte stattgefunden hat, könnte die Lage sofort ändern. Also verfasste man am Donnerstag weniger Beschlüsse als vielmehr Appelle, die der Bevölkerung sagen sollten: „Kein Grund zur Panik. Wir sind gut gerüstet.“

Das mag für die Sicherheitsbehörden, Kliniken und Quarantäne-Stationen stimmen, für die breite Öffentlichkeit aber nicht. In Brüssel zeigten sich die Minister der Mitgliedstaaten tief betroffen von Berichten über die Isolation chinesischer Staatsbürger in ihren Ländern, die ausgegrenzt werden, nur weil sie Chinesen sind. Die Epidemie ist zwar noch nicht zur globalen Pandemie geworden. Aber die Unruhe grassiert längst.

Und dabei ist eines der größten Probleme im Zusammenhang mit dem Virus noch gar nicht spürbar: der verschärfte Mangel an Arzneimitteln. Denn der grassierende Mangel an Antibiotika, Psychopharmaka oder Präparaten zur Krebsbehandlung kommt erst noch. Längst hätte die Europäische Kommission mit Entschlossenheit etwas tun müssen. Den Ausfall der Produktion, den der Virus nun angerichtet hat, hätte auch ein Brand oder ein Unfall in der herstellenden Fabrik auslösen können – nicht nur Europa, sondern weite Teile der Welt leben seit Langem mit dem Risiko, dass dringend benötigte Arzneimittel nicht mehr greifbar sind.

Die Frage, was das für das Übergreifen einer Infektionskrankheit bedeuten würde, ist nicht nur unbeantwortet, sondern schlicht unerträglich. Denn es droht nicht weniger als die völlige Hilflosigkeit. Und so blieb beim Sondertreffen der Gesundheitsminister die latente Unruhe denn auch deutlich größer, als die verabschiedeten Dokumente zeigen.

Die EU gibt sich nach außen hin überzeugt, mit den Covid-19-Fällen fertig zu werden. Schließlich arbeitet im Hintergrund bereits eine Task Force, die im Notfall sogar bei der Beschaffung von Schutzausrüstungen und Medikamenten behilflich sein will. Das klingt zwar gut, bedeutet aber letztendlich wenig. Europa ahnt die Herausforderung, hat ihr aber zu wenig entgegenzusetzen.

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