Kommentar

Illusorischer Plan

Pauschale Coronatests von Urlaubsrückkehrern aus Risikogebieten – mit diesem Mittel möchte die Bundesregierung verhindern, dass das Infektionsgeschehen außer Kontrolle gerät. Auch in der Veranstaltungsbranche werden Testkonzepte diskutiert, allen voran das des Fußballbundesligisten Union Berlin. Der Vorschlag der Köpenicker: Alle Stadiongänger innerhalb von 24 Stunden vor Spielbeginn auf das Virus testen und sie bei negativem Ergebnis ohne Abstand und Maske auf die Ränge lassen.

Zunächst: Es ist nicht nur löblich, dass sich Veranstalter Gedanken darüber machen, auf welche Weise eine Teilnahme von Zuschauern wieder möglich ist, es ist auch ihre Pflicht. Sie sind für die Sicherheit der Besucher verantwortlich und müssen dafür Sorge tragen, die Infektionsgefahr auf ein Minimum zu reduzieren. Doch sind Massentestungen der richtige Weg, um dieser Pflicht nachzukommen? Wohl kaum.

Mehr als 20 000 Menschen fasst die Alte Försterei, das Stadion von Union Berlin. Würde also heißen: Jedes zweite Wochenende werden für ein 90-minütiges Fußballspiel 20 000 Tests verbraucht. Nehmen wir mal an, das Union-Konzept macht Schule und andere Bundesligisten adaptieren es: Allein im deutschen Oberhaus müssten dann an jedem Spieltag Kapazitäten für fast 400 000 Personen bereitstehen. Selbst wenn die Vereine tatsächlich an eine solch enorme Anzahl an Tests kommen würden – was ja bei dieser vom Kommerz getriebenen Branche nicht auszuschließen ist –, die Signalwirkung an die Gesellschaft wäre fatal. Oder wäre es vertretbar, wenn sich tausende Fans ohne Abstand im Stadion anbrüllen und derweil in der Grundschule um die Ecke ein Infektionsherd ausbricht, weil deren Schüler eben nicht einfach so mal auf Corona getestet werden können?

Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass die Spiele ganz schnell selbst zu einem Superspreadingereignis werden können – Tests hin oder her. Zu hundert Prozent können auch sie eine Infektion nicht ausschließen.

Kommt es zu einer zweiten Welle, könnten auch Pläne, wieder mehr Publikum bei Veranstaltungen zuzulassen, schnell vom Tisch sein. Das Robert Koch-Institut zeigte sich zuletzt angesichts der wieder steigenden Fallzahlen „besorgt“. Zu Tausenden Partys feiern sei „rücksichtslos“ und „fahrlässig“, sagte RKI-Präsident Lothar Wieler. Das trifft auch auf den Vorstoß der Berliner zu. Großveranstaltungen durch Massentests wieder so stattfinden zu lassen wie vor Corona-Zeiten ist eine Illusion.

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