Kommentar

Hoffen auf Entzauberung

Walter Serif über Präsident Recep Tayyip Erdogan, der für seine Hetzkampagne Deutsche mit türkischen Wurzeln praktisch in Geiselhaft nimmt

 

Präsident Recep Tayyip Erdogan setzt seinen persönlichen Rachefeldzug gegen Merkel & Co. unbeirrt fort. Die Istanbuler Polizei drangsaliert schon wieder Deutsche mit türkischen Wurzeln. Das beweist, welche Verlogenheit hinter der schlimmen Hetzkampagne des Autokraten vom Bosporus steckt. Er mahnt türkische Bürger, die in Deutschland leben oder dorthin reisen wollen, zur "Vorsicht". Und ruft Deutsche mit Migrationshintergrund dazu auf, bei der Bundestagswahl ja nicht für CDU, SPD oder Grüne zu stimmen, weil diese "alles Feinde der Türkei" seien.

Dabei stellt sich doch die Frage, ob Erdogan selbst inzwischen nicht der größte Feind der Türkei ist. Der Präsident sät überall Zwietracht und nimmt unschuldige Bürger praktisch in Geiselhaft, um seinen Hass auf die deutschen Politiker zu befriedigen. Das trägt fast schon psychopathische Züge.

Die Bundesregierung, allen voran Kanzlerin Angela Merkel, hat sich lange von Erdogan nicht provozieren lassen. Aber spätestens seit dem TV-Duell ist klar geworden, dass die Regierungschefin anders kann. Auch sie betreibt Wahlkampf, getrieben von Herausforderer Martin Schulz, der Merkel dazu gebracht hat, jetzt ebenfalls den Abbruch der EU-Beitrittsverhandlungen mit Ankara zu fordern. Eine Position, die übrigens auch nach der Bundestagswahl in Brüssel keine Mehrheit finden wird.

Die Bundesregierung darf sich dennoch nicht alles gefallen lassen. Aber sie muss bedenken, welche Auswirkungen ihre Entscheidungen auf die Bürger in der Türkei und in Deutschland gleichermaßen haben. Wer den Herrscher zu sehr attackiert, kann jedenfalls viel Schaden anrichten. Dann landen noch mehr Menschen im Gefängnis. Auf Dauer entzaubert sich Erdogan vielleicht doch selbst.

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