Kommentar

Hass vor der Tür

Dirk Lübke zu den Angriffen in Halle

Der Bahnhof dicht, Ausgangssperre, Amoklage – in Halle und Umland herrschte am Mittwoch Ausnahmezustand. Man muss vorsichtig sein mit solch einem Wort. Es vermittelt Panik und Angst – und war doch mit ganz hoher Wahrscheinlichkeit zutreffend.

Vieles bekommt Raum in persönlichen Vermutungs-Szenarien. Etwa wenn ein Vermummter mit Gewehr und Sturmhaube einen Anschlag auf die jüdische Synagoge in der Ludwig-Wucherer-Straße in Halle verüben will. Und der Zugang ins Innere des vollbesetzten Hauses nur durch kurz vorher verriegelte Synagogen-Türen gestoppt wird. Oder wenn wenig später tödliche Schüsse an einem Döner-Imbiss fallen. Diese Vermutungs-Szenarien erhärten sich an einem Tag, an dem Juden auf der ganzen Welt Jom Kippur, den höchsten jüdischen Feiertag, begehen.

Zusammengefasst ergeben diese Gedanken schon im Laufe des Abends ein vorläufiges Bild. Demnach können nur Nazis, also rechtsextreme Juden-Hasser, Urheber dieser abscheulichen Taten mit zwei Todesopfern sein. Ministerielle und generalstaatsanwaltliche Aussagen, wonach es sich um einen Einzeltäter mit höchstwahrscheinlich rechtsextremem Hintergrund handelt, nähren das.

Einen Rechtsstaat zeichnet aber eben auch aus, dass seine Freiheit Vermutungen – und auch Fehldeutungen – zulässt, bevor die Fakten stehen. Geben wir den Ermittlern also etwas Zeit – für unverrückbare Fakten.

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