Kommentar

Harmonie statt Streit

Walter Serif über das gute Abschneiden der Grünen in den Umfragen: Sie punkten im bürgerlichen Lager und profitieren vom Generationswechsel

Seit 2005 müssen die Grünen im Bundestag die harten Oppositionsbänke drücken. Bei der Wahl 2017 schnitt die Partei sogar so schlecht ab, dass sie im Parlament nur noch die kleinste Fraktion stellt. Gleichwohl könnte heute Cem Özdemir anstelle von Heiko Maas als Außenminister die Welt bereisen – aber daraus wurde ja nach dem Scheitern der Jamaika-Gespräche nichts.

Seltsamerweise hat das Verharren in der Opposition den Grünen überhaupt nicht geschadet. Bei Landtagswahlen (Bayern, Hessen) und in Umfragen erleben sie schon seit Monaten einen Höhenflug. Sind die Grünen inzwischen eine Volkspartei? Müssen sie zur Bundestagswahl einen Kanzlerkandidaten aufstellen? Solche Debatten gab es schon 2011, als die Demoskopen den Grünen ebenfalls einen Höhenflug attestierten – aber zwei Jahre später gingen sie bei der Bundestagswahl unter und landeten mit 8,4 Prozent auf einem Niveau wie 2017.

Auch dies beweist wieder einmal die Binsenwahrheit, dass Umfragen keine Wahlergebnisse sind. Aber im Unterschied zu damals zerfleischt sich die Partei heute nicht mehr in Richtungs- und Machtkämpfen. Erstmals stellen die Realos beide Parteivorsitzenden – und der linke Flügel hält still. Der charismatische Robert Habeck und die selbstbewusste Annalena Baerbock passen im Vergleich zu früheren Führungsgespannen gut zusammen und intrigieren nicht gegeneinander.

Habeck und Baerbock verkörpern außerdem die Öffnung der Partei für das bürgerliche Lager. Dies wird dort honoriert, weil inzwischen ein Generationenwechsel in der Gesellschaft eingesetzt hat. Die früheren Latzhosen-Träger sind älter geworden, der gemäßigte grüne Lebensstil verdrängt allmählich den konservativen. Und diejenigen, die mit den Grünen noch immer fremdeln, werden – außer der AfD – von Habeck nicht ausgegrenzt.

Die Grünen profitieren auch davon, dass ihre Hauptthemen – Umwelt- und Klimaschutz – wieder einen höheren Stellenwert besitzen. Der Diesel-Abgasskandal und der Dürre-Sommer haben bewiesen, wie wichtig ihre Agenda ist. Nur: In der Opposition kann die Partei besser punkten, weil sie mit ihren Forderungen niemandem wehtut. Wie widersprüchlich und scheinheilig die Grünen selbst sein können, beweist das Geschehen am Hambacher Forst. Dass sie die Abholzung von Bäumen ablehnen, versteht sich von selbst. Deshalb demonstrierten sie mit Umweltschützern gegen die CDU/FDP-Landesregierung in NRW. Doch diese setzte nur das um, was die Grünen 2014 in der Koalition mit der SPD beschlossen hatte.

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