Kommentar

Gemauschel

Archivartikel

Maximilian Münster zur Situation der katholischen Kirche: Die Missbrauchsstudie fördert ein steinzeitliches System zutage

Was ist richtig, was ist falsch? Es gab mal eine Zeit, da vertrauten Gläubige auf ihre Kirche, Antworten zu geben. Sie war eine der moralischen Instanzen im Leben. Eine Institution, die man nicht hinterfragte.

Bei Menschen auf der ganzen Welt hat die Kirche jenes Vertrauen zerstört. Zu groß, zu unmenschlich sind die Verbrechen, die durch den tausendfachen Missbrauch begangen wurden. Und zu halbherzig ist die Aufarbeitung bislang angelaufen. In Deutschland soll es bei 1670 Klerikern Hinweise darauf geben, dass sie sich an tausenden Minderjährigen vergangen haben. Das sind die Zahlen, die die Deutsche Bischofskonferenz nun offiziell vorlegte. Die Dunkelziffer dürfte noch weitaus höher sein. Die Studie fördert erschütternde Erkenntnisse zutage – und lässt die Öffentlichkeit trotzdem über das wahre Ausmaß im Dunkeln. Auch, weil die Kirche Forschern den direkten Zugang zum Datenmaterial verweigerte. Echte Transparenz sieht anders aus.

Es ist ein veraltetes, verkrustetes, streng hierarchisches System, in das die Studie Einblick gewährt. Ein System, das die eigenen Gesetze über die weltlichen stellt. In der katholischen Kirche werden Vergehen nach dem Codex Iuris Canonici geahndet, dem Gesetzbuch des Kirchenrechts. Wenn sich nun ein Priester an einem anderen Menschen vergeht, so ist das zwar wie im weltlichen Strafrecht auch im Kirchenrecht eine Straftat. Deren Bestand dreht sich jedoch hauptsächlich um den Verstoß des Geistlichen gegen den Zölibat. Wo bleibt da der Schutz des Opfers? Und wer sagt, dass die Kirche überhaupt die Verfolgung des Delikts aufnimmt beziehungsweise weltliche Behörden über den Verdacht informiert, wie es seit 2010 in Deutschland Gesetz ist? Es ist nur ein Beispiel dafür, was alles falsch läuft.

Moralisch wäre es geboten, die Axt anzulegen an einige Grundfeste der Kirche. An das Rechtssystem, das die gelebte Kultur der Vertuschung unterstützt. An den Zölibat, der Missbrauch offensichtlich fördert. An das streng hierarchische Verwaltungssystem, welches das Ausnutzen von Machtpositionen begünstigt. Im Moment gibt es nur ein paar Worte der Reue von Kirchenoberen. Die sind wichtig – aber auch schnell gesprochen. Konsequenzen müssen nun folgen, auch im eigenen Interesse der Kirche. Die Auswirkungen ihres Gemauschels bekommt sie am eigenen Leib zu spüren. Menschen wenden sich ab und treten aus, händeringend suchen Bistümer nach Priestern. So steinzeitlich das System der Kirche ist, seine Werte sind es nicht. Nächstenliebe, Moral – in Zeiten der politischen und gesellschaftlichen Ungewissheit kann die Kirche Orientierung bieten. Aber dafür braucht sie einen Neuanfang.