Kommentar

Erfahrungssemester

Anne-Kathrin Jeschke appelliert an Studierende, sich trotz fester Strukturen und starrer Denkmuster Freiheiten zu erkämpfen

Einen "Unfall mit Fahrerflucht" hat Dieter Lenzen, Präsident der Universität Hamburg, die Bologna-Reform vergangenes Jahr in einem "Welt"-Interview genannt. Damit spricht er zweifelsfrei vielen aus der Seele. Aber: Wir kehren die europäische Hochschul-Reform nicht mehr um. Statt sie - fast 20 Jahre nach der Unterzeichnung des Vertrags - immer noch gebetsmühlenartig zu verurteilen, müssen sich die Beteiligten Freiheiten erkämpfen, allen voran die Studenten selbst.

Sie sind alt und in der Regel auch klug genug, um zu entscheiden, worauf es ihnen im (Berufs-)Leben ankommt. Schnelles Studium, Bestnoten, große Karriere - das ist ein Weg, aber nicht der einzige. Die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt sind wegen des demografischen Wandels und des damit einhergehenden Fachkräftemangels hervorragend. Niemand muss sich sorgen, weil er sich ein oder zwei Semester mehr Zeit nimmt als vorgegeben. Und niemandem ist geholfen, wenn Nachwuchskräfte durch den Leistungsdruck an der Uni schon ausgebrannt in den Beruf einsteigen.

Ein Urlaubssemester, ob für Auslandserfahrung, gesellschaftliches Engagement, ein Praktikum oder zur Pflege eines erkrankten Elternteils, ist eine Bereicherung im Lebenslauf, kein Hindernis. Denn im Arbeitsalltag, das weiß jeder Berufstätige, kommt es auf weit mehr an als nur auf exzellentes Fachwissen. Hochschulen machen ihren Studierenden durchaus Angebote zur Persönlichkeitsentwicklung. Viele konzentrieren sich jedoch stoisch auf die Kurse, die ihre Abschlussnote beeinflussen. Oft wählen sie Seminare, in denen schon wenig Aufwand eine gute Note einbringt. Das ist mit Blick auf den Kräftehaushalt nachvollziehbar - und doch zu kurz gedacht.

Fächerwahl, Studienort, Karriereschritte: Die vielen Entscheidungen, die junge Menschen in dieser Lebensphase treffen müssen, belasten sie offenbar. Ständig schwingt die Angst mit, eine falsche Abbiegung zu wählen. Aber nichts davon ist unumkehrbar. Wer mal stolpert, erst auf Umwegen ins Ziel gelangt, der sammelt wertvolle Erfahrungen, die ihm im Arbeitsleben weiterhelfen werden.

Auf dem Weg zu mehr Mut und Selbstbewusstsein brauchen Studierende aber Unterstützung: von den Hochschulen, von Dozenten, auch aus der Wirtschaft. Universitäten haben durchaus Gestaltungsfreiräume - die ersten beiden Semester des Bachelors dürfen sie sogar notenfrei halten.

Es braucht Dozenten, die zum kritischen Denken anleiten - aber den Jungen auch zuhören. Und Unternehmen müssen ihnen deutlich signalisieren, sofern sie bei der Personalwahl Wert legen auf persönliche Reife, emotionale Intelligenz und Erfahrungen abseits des Schul- und Hochschulalltags. Durch die verkürzte Gymnasialzeit, das schnelle Studium und den späten Renteneintritt verändern sich die Arbeitsbiografien - ein entsprechend langes Berufsleben liegt vor den Fach- und Führungskräften von morgen. Wer gelegentlich ausbricht, um Erfahrungen abseits der steilen Karriereleiter zu sammeln, verbaut sich damit nicht die Zukunft.

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